Über Marion Poschmann

Marion Poschmann (*1969 Essen) studierte Slawistik, Germanistik und Philosophie. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin und bekam u.a. 2011 den Ernst Meister-Preis der Stadt Hagen. Veröffentlichungen (Auswahl): Die Sonnenposition. Roman (2013); Geistersehen. Gedichte (2010); Hundenovelle (2008); Schwarzweißroman (2005); Grund zu Schafen (2004).

Bernsteinregale

Königsberg, eine eingeebnete Stadt. Es schwingt bei der Rede von Kaliningrad immer diese erschreckende Leere mit – kann man die Tatsache, daß hier eine Stadt „dem Erdboden gleichgemacht“ wurde, mit einem neuen Alltag wirklich überdecken? Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, in Häusern zu leben, die praktisch auf dem Nichts neu gebaut wurden. Man sieht im Stadtbild, wie die weiten leeren Plätze mit Symbolen des Sieges gefüllt wurden, mit Denkmälern, die Panzer, Flugzeuge, Kriegsschiffe darstellen, Denkmäler, die in ihrer majestätischen Glätte noch immer etwas Bedrohliches ausstrahlen. Königsberg ist verschwunden. Aber die Sowjetzeit ist auch schon seit zwanzig Jahren vorbei. Keins der legendären Telefone mehr, die irgendwo an den Hauswänden hingen und nie funktionierten, dafür überall Bankautomaten. Nur noch wenige der halbleeren Geschäfte, die auf riesiger Ladenfläche mit einer Überzahl Verkäufer wenige Produkte anbieten, dafür überdimensionierte Supermärkte, die die Kunden mit Klebemarken dazu verlocken, bei jedem Einkauf mehr als 250 Rubel auszugeben, um für 65 Marken (was ca. 400 Euro entspricht) dann „umsonst“ eine Tasse, gefüllt mit einem Stofftier, zu erhalten, und zwar darf man wählen zwischen Zwergschnauzer, Französischer Bulldogge, Bracke, Dackel, sowie den Katzenrassen Perser und Russisch Blau. (Alle, die ich beobachten konnte, haben Russisch Blau genommen.)  Der Bauboom knüpft nicht an die sowjetische Formensprache an. Die typischen Designelemente, die es im Sowjetreich überall, aber sonst nirgendwo gab, finden sich bloß noch in den alten Plattenbausiedlungen, die bislang nicht renoviert wurden – nur das Symbol der aufgehenden Sonne, das naturgemäß unvergänglich ist, sieht man sowohl als Relikt aus einer vergangenen Zeit, aber auch brandneu. Was hat sich noch verändert? Das Bernsteinregal, die monopolisierende Vorschrift aus Zeiten des Deutschen Ritterordens, die nur ausgewählten Personen erlaubte, an den Samlandstränden Bernstein aufzusammeln, wurde erst 1945 vollständig aufgehoben. Man darf die Strände betreten, man darf die gefundenen Bernsteinstücke behalten. Weil das aber nicht viel einbringt, versuchen sich, was wiederum verboten ist, einige Kaliningrader in privaten Grabungen: In etwa 10 Meter Tiefe kann man in dieser Gegend auf ertragreiche Bernsteinvorkommen stoßen.

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Kants Garten

globus

Wir sind wieder auf den Spuren Hamanns unterwegs, finden aber erneut nur die Spuren von Kant. Man muß das Antipodische Hamanns wahrscheinlich so verstehen, daß überall dort, wo sich positive Spuren Kants finden, auch negative Spuren Hamanns versteckt halten, wobei wir allerdings auch den Ausdruck „positive Spuren“ als relativ begreifen.

Der zentrale Botanische Garten, früher (seit 1811) einer der schönsten Botanischen Gärten Europas, ist heute noch immer Botanischer Garten, allerdings mit der speziellen Ausrichtung eines Lehrgartens für Schulkinder, die hier Pflanzen pflegen und Kleintiere betreuen, für die ein Klassenzimmer mit Mikroskopen etc. vorhanden ist, die hier ein erstes Bewußtsein für ökologische Zusammenhänge vermittelt bekommen. Man betreibt also durchaus Aufklärung. Es gibt ein Treibhaus, es gibt eine Orangerie, es gibt einen Seerosenteich.

Der Botanische Garten ging aus einem Privatgarten hervor, in dem, so berichtet es uns der freundliche Gartendirektor, auch Immanuel Kant regelmäßig spazierenging. Und zwar hier, hier und hier:

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Während Kant es von der Universität aus nicht weit hatte, lebte und arbeitete der Packhofverwalter Hamann am südwestlichen Pregel. Ob er die Muße hatte, im Garten zu lustwandeln, wissen wir nicht.

kant früher

Kant früher

kant heute

Kant heute

 

Ränder

Erst allmählich, wird uns erzählt, begreifen die Leute hier, was eigentlich Eigentum ist. Etwas, für das man konstant Verantwortung übernimmt, etwas, das morgen auch noch da ist, wenn man es pflegt, zum Beispiel Vorgärten. Früher, heißt es, gab es überhaupt keine Pflanzen, um sich mit dem Vorgarten Mühe zu geben oder womöglich den Grünstreifen vor dem Plattenbau gärtnerisch zu gestalten. Aber jetzt, heißt es, gibt es Pflanzen, jetzt, heißt es, entwickelt sich ein spezielles vorgärtnerisches Bewußtsein, und tatsächlich, neben den öffentlichen Grünanlagen, die vorzugsweise (und vor allem überall dort, wo man es mit „Sieg-“ zu tun hat) mit roten und manchmal mit gelben Tulpen bepflanzt sind (ich sah einen psychedelischen Kreisverkehr in Knallrot und Knallgelb, aus dem man niemals wieder herausfindet), entstehen jetzt, im Mai, auffällig geharkte und exakt bepflanzte Vorgärten, oft rührend mit einem in Kniehöhe gespannten Bindfaden umzäunt. Es gibt jetzt massive Zäune, es gibt symbolische Zäune, und es gibt auffällig gekälkte Ränder.

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Logos, Logik, Sprachkritik

Spuren Hamanns finden wir bei jenem Schriftsteller, der uns auf die besondere Gottgegebenheit der russischen Sprache hinweist: nämlich slovo – das Wort, der LOGOS, hat dieselbe Wurzel wie lovitj – fangen, hier bezogen auf Christus, den Menschenfischer, also das göttliche Wort, das die Menschen zu sich heranzieht. Die Reihe lo-lo-lo und überhaupt diesen Zusammenhang gebe es nur im Russischen, was wir schweigend anerkennen müssen. Im Deutschen kennen wir allerdings vergleichbare Verfahren von Arno Schmidts Etym-Theorie, nur daß dort nicht Gott, sondern das Unbewußte zu Wort kommt. Und wiederum ist von einer Galionsfigur der Postmoderne, Hélène Cixous, bekannt, daß sie ihre Romane mittels Wortketten unter der Verwendung des Bestandteils – eve- aufbaut, wie Eva, die Frau Adams, wie rêve, der Traum – also ein Fall von kabbalistischer Prose? Um wieder auf das Russische zu kommen: Von anderen Sprachen unterscheidet es sich auffällig auch durch die vielen Diminutive, in denen sich die russische Seele verniedlicht, vor sich selbst duckt oder alle Dinge mit Liebe überzieht und sich die Welt damit zum Kinde macht. Aktuell gehört:

Pfannküchlein

Zimmerschlüsselchen

EC-Kärtchen

Sändchen.

 

Seltsame Leerstellen

bessel

Auf diesem Hügel stand einmal die Bessel-Sternwarte.

 

kant

In einem anderen Haus, aber an dieser Stelle, lebte zwanzig Jahre lang Immanuel Kant.

 

eta

Bevor der Neubau den Blick auf den Dom versperrte, stand auf diesem Parkplatz das Haus der Großeltern von E.T.A. Hoffmann, in das dieser als Zweijähriger mit seiner Mutter einzog – nachdem er seine ersten beiden Lebensjahre hier verbracht hatte:eta 2

 

Und ungefähr hier…

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…oder hier wohnte Heinrich von Kleist.

Das Unverständliche 2

kiosk 1

„Dies ist demnach der letzte Knoten meines Schicksals, das auf mich wartet. Ich werde der Welt und meines eigenen Leibes entbehren müssen, ohne Abbruch desjenigen Theils meiner selbst, der mit beyden so genau verbunden ist, daß ich über diese Trennung als über ein Wunder erstaune? Das Schauspiel der Erde wird aufhören mir Eindrücke zu geben, die Werkzeuge der Empfindung und Bewegung, ungeachtet man ihrer so gewohnt wird, daß man sie fast für unentbehrlich zu halten anfängt, werden ihrer Dienste entsetzet werden!“

kiosk 2

„Tod! König der Schrecknisse! gegen den uns kein Seher der Natur, wenn er gleich ein Büffon ist, weder durch Beobachtungen noch durch Spitzfindigkeiten stark machen kann; gegen dessen Bitterkeit man mit dem König der Amalekiter die Zerstreuungen der Wollust und eine marktschreyerische Miene umsonst zu Hülfe ruft: – durch welches Geheimniß verwandelt dich der Christ in einen Lehrer der Weisheit, in einen Boten des Friedens?“

Hamann, Denkmal