Über Jörg Albrecht

Jörg Albrecht (*1981 Bonn, aufgewachsen in Dortmund) studierte Komparatistik, Germanistik und Geschichte. Er lebt als freier Autor (Romane, Theaterstücke) in Berlin und erhielt u.a. 2005 den GWK-Förderpreis. Veröffentlichungen (Auswahl): Beim Anblick des Bildes vom Wolf. Roman (2012); Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif. Roman (2008); Drei Herzen. Roman (2006).

Vergoldete Energie

Jetzt ist es schon so weit, das zu sagen: Wiedersehen, до свидания, Goodbye!
Ich wäre so gern noch eine Menge mehr gewesen. Wie ist es überhaupt möglich, daß man mich für eine stolze, historisch aufgeladene Stadt hat halten können, wo es mir niemals möglich gewesen, mich was ich bin und seyn kann, zu entdecken? Ja, wir stehen mit andern Dingen in Verbindung, und eine Materie, über die wir verbunden sind, ist die Sprache, die uns immer schon destabilisiert und loslöst von dem Ort, der uns sicher war. Auf gewisse Weise gehen wir, wenn wir auf andere treffen, wenn wir mit ihnen zusammen sind, schon über uns hinaus, die anderen aber auch, so daß wir uns gegenseitig enteignen, auch wenn wir denken: So weit kann ich doch gar nicht reichen. Jetzt reicht es aber doch! Bitte nicht weinen. Macht er doch gar nicht mehr. Nie mehr. Tatsächlich hatte er beschlossen, Tränen als unproduktiven Luxus aufzugeben. [Thomas Pynchon]

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Beim Messias dauert immer alles viel länger als bei mir

Endlich habe ich einen Begriff für das gefunden, was in meinem Leben falschläuft, oder was anders laufen müßte, und jetzt, wo ich es weiß, schreibe ich an meine Wiener Freundin Nastassja, deren Katholizismus ich für nicht ausgeprägt, aber wenigstens vorhanden halte: Da ich nun den Begriff gefunden haben, müßte ich eigentlich religiös werden, um mich zu befreien und ein messianisches Leben zu führen. Und welcher Philosoph hat dich nun auf den richtigen Begriff gestoßen?, fragt Nastassja zurück, wohl doch kaum Hamann, oder?, auch wenn du ihn ja offenbar fleißig liest, zumindest vor der Kamera. [Siehe: mein Mail-Attachment an Nastassja!]* In einer Art Fußnote fügt sie noch Namen von Philosophen ein, deren Schreiben sich nicht unbedingt immer explizit auf Religiöses bezieht, aber letztlich darauf basiert, und die alle eine Version des Messianischen entwerfen: Walter Benjamin, Martin Buber, Jaques Derrida. Nein, keiner von denen, schreibe ich, hat mir geholfen.

Ich lebe in der Hektik der Sünde, sagt Wladimir Gilmanov entschuldigend zu uns, während wir gemütlich zu einem Strandspaziergang aufbrechen, der – das wissen wir, seine vier Begleiter noch nicht, er aber wahrscheinlich schon – zwar entspannt verlaufen wird, wie es entspannter kaum sein könnte, bei 28°, Sonne, Wind, der meine Haut nicht merken läßt, daß es ihr eigentlich schon wieder zu viel UV-Licht ist, doch am Ende werden wir bemerken, daß Autoschlüssel und Mobiltelefon unseres Freundes, des Philosophen, irgendwo verloren gegangen sind, was uns nicht nur die Chance gibt, der Sünde der Hektik beizuwohnen, die Gilmanov uns eigentlich vermitteln wollte, sondern auch noch Teil von ihr zu werden. Schließlich tauchen die Gegenstände wieder auf, aus den Taschen einer ehrlichen Finderin, die, wie wir später über ein von ihr geschossenes Foto, auf dieses Foto angewendete Gesichtserkennung und geschickte Googletechniken herausfinden werden, in den Siebzigern bis Achtzigern des 20. Jahrhunderts KGB-Spionin war. Allerdings nicht in Realität und auch nicht in reality, sondern in der konventionellen Fiktion: In Dutzenden Agentenfilmen jener Zeit spielte sie mit, von denen wiederum 95% in einer Villa gedreht wurden, die wir zu Beginn unseres Strandspaziergangs besichtigen: Erbaut von einem Architekten namens Göring, bewohnt von einem Arzt, später genutzt als Teil des Militärsanatoriums von Swetlogorsk, für die hohen Offiziere. Hier spielte die Frau, der wir den Fund zu verdanken haben, als sehr junge Dame ihre Rollen. In einem Interview, das sie einer russischen Filmzeitschrift in den Neunzigern gab [die Übersetzung kann hier nur stichwortartig erfolgen], spricht sie über die Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten: Die knapp gestrickten Zeitpläne zwangen immer wieder zu großer Hektik, zugleich mußten aber eine gewisse Ruhe und Entspanntheit produziert werden, die von den Agentenfiguren, trotz Härte und Pokerface, erwartet wurde. Deshalb also, sagt Hendrik, hat sich die Frau erst nach vierzig Minuten am vereinbarten Treffpunkt eingefunden, um die Gegenstände zu übergeben, obwohl sie nur fünf Minuten entfernt gewesen war. Sie kam dann auch angeschlendert, als gehörte sie gar nicht in diese Szene, als ginge sie der Fund der Gegenstände gar nichts an. Wieder einmal erwies das Spielen, erwies die inszenierte Form des Daseins einen Vorteil: Nichts und niemand kann mir diese Ruhe und Entspanntheit, die ich vor der Kamera lernte, nehmen, sagt die Schauspielerin dann auch – im Interview.

Und wo bin ICH? Hier sitze ich und will eigentlich an was ganz anderem schreiben, MUSS aber unbedingt diese Gedanken loswerden. Das Bloggen hat meine sowieso schon hektische Arbeitsweise noch einmal gesteigert, und wieder wächst meine Angst, in ein paar Jahren von einem Arzt durchgecheckt zu werden, der bei mir, Kinski-like, diverse Narben von Herzanfällen feststellt, von denen ich nichts gemerkt hab. Die Sünde der Hektik, jaja. Aber mich interessiert doch eher der, durch einen kleinen Verdreher, entstandene Begriff: Hektik der Sünde. Und die ist noch viel stärker als ihr Umkehrpendant: Immer, wenn ich sündige, auch alles ganz schnell machen: schnell essen, schnell rauchen, schnell trinken, schnell küssen, schnell schnell schnell mal Sex, und dann is gut. Das Sündigen ist keines, weil es etwas moralisch Verbotenes darstellt, nicht weil es ein Tabu wäre, das zu tun, sondern weil damit der vollgestopfte Alltag unterbrochen wird, der nur meiner großen Liebe namens Arbeit gehört, nur sie darf alles bestimmen.

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder das Gefühl gehabt, daß zumindest die Sünde der Hektik hier vielleicht keine so große Rolle spielt, daß es – obwohl die Menschen viel mehr arbeiten müssen als bei uns: mehrere Jobs auf einmal, zu allen möglichen Zeiten und an allen möglichen Tagen – eine Gelassenheit gibt. Ist die vielleicht aus den Dreharbeiten für die Spionagefilme in die Spionagefilme und von den Spionagefilmen in die Bevölkerung übergegangen, die diese Spionagefilme sah? Muß ich jetzt alle die in der Villa Göring gedrehten Filme sehen, um mir diese Gelassenheit anzueignen? Ist das überhaupt machbar, oder hat sich das Hektische schon viel zu sehr in mich eingeschrieben? Ist das Problem, daß ich immer wieder versuche, dieses Leben zu leben? Es hilft leider nicht, ich kann nicht weiter, ohne jetzt wieder Agamben zu zitieren: Im Messias leben bedeutet nichts anderes, als in jedem Augenblick und in jeder Hinsicht das Leben, das wir leben, zu widerrufen und unwirksam zu machen, […] heißt, daß das Leben mit keiner vorherbestimmten Form mehr übereinstimmen kann. Und der Dichtung schreibt er zu, diese Art, zu leben, möglich zu machen, da hier die Sprache sich zurücklehnen und sich selbst betrachten kann, in einer Untätigkeit, die er mit der göttlichen Herrlichkeit verbindet. Und wie könnte man FÜR ein Leben leben? Jetzt komme ich nicht mehr mit, schreibt mir Nastassja, ich bin da eher bei einer anderen Vorstellung des Messianischen, nämlich aus der Performance Art und Theory kommend: Wir performen Dinge und wissen, daß sie nie ganz gelingen werden, daß immer ein Rest bleibt, der uns davon abhält, ganz mit dem eins zu werden, was wir spielen. Und das wäre doch ein messianischer Moment: Irgendetwas kommt immer noch, ist nie da. Zum Beispiel: Demokratie als etwas, das noch kommen wird, das wie niemals verwirklichen können, aber die Bedürfnisse, die uns veranlassen, uns in das politische Geschehen einzumischen, sind dennoch stark, nicht weil wir denken, wir können alles erreichen, sondern weil wir wissen, es ist eigentlich unmöglich, aber wir müssen es TROTZDEM. So wie ich in der Liebe immer gerade die will, die ich sowieso nie erreichen kann, schreibe ich. Aber das wäre doch genau die Unmöglichkeit, das Leben zu leben, und auf der anderen Seite eben die Möglichkeit, FÜR es zu leben, und dadurch allem an uns immer wieder zu sagen: Du bist nicht zuende, du kannst noch ganz andere Wege finden, hier zu sein, und jetzt: MACH! Geh rein und halte dich auf in der Sünde, anstatt gleich wieder rauszulaufen, um im Auftrag des Geldes noch mehr aus dem Leim zu gehen. Und damit dem Geld auf dem Leim zu gehen, schreibt Nastassja, klappt dann ihr Laptop zu, geht raus in die Straßen Wiens, auf ein Haus zu, auf eine Wohnungstür zu, auf einen Jungen zu, dem sie etwas geben wird, das sie gar nicht hat.

Währenddessen schalten die Bühnenarbeiter die Höhensonne über Swetlogorsk aus. Währenddessen läuft der Countdown an, der den Rest unserer Zeit hier herunterzählt. Währenddessen bleibt die Hektik der Sünde noch zu erforschen, und ich vergebe hiermit diesen Auftrag an den Meistbietenden, zum Beispiel das Insititut für Situation Tragedy.

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Foto: Marion Poschmann

Foto: Marion Poschmann

Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [3]

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Fortsetzung von [1] und [2]

Während die Briten ihre Luftangriffe auf Königsberg starten und Indy und Masha im Schloß gegen eine Horde Nazis kämpfen, kann Queensburg zeitgleich das Bernsteinzimmer abbauen, da sie sich alle Schritte bei der Demontage durch die Deutschen im Katharinenpalast fotografisch genau merkte. Trotz des wieder in achtundzwanzig Kisten verstauten Schatzes drohen Indy und Co. nun allerdings, mit dem Schloß zusammen auszubrennen. Die Nazis erwarten von außen den Tod der Drei, doch da taucht mit seinem Luftschiff Mashas Cousin Dimitrij auf, der Indy, die Frauen und das Bernsteinzimmer retten kann. Allerdings bleiben von achtundzwanzig Kisten zwei im Schloß.

Die beiden Amerikaner und die beiden Russen beschließen, das Zimmer zu je gleichen Teilen mitzunehmen und ihren Regierungen als Waffenschutz zu verkaufen, damit letztlich beide Mächte die selbe Chance haben, den Krieg zu gewinnen. Doch da stürzt das Luftschiff, von deutschen Kanonen getroffen, über der Ostsee ab, und Indy und Mary-Ann Queensburg können sich gerade noch an einem Fallschirm nach Schweden retten, von wo aus sie wieder in die USA kommen. Was mit den russischen Agenten geschieht, ist ungewiß. Die sechsundzwanzig Bernsteinzimmerkisten landen im Meer und versorgen bis zum heutigen Tage die Händler in diversen Ostseeorten mit Material für den Verkauf von Ketten, Broschen, Ringen, Bilderrahmen, Eulen, Adlern und Miniaturschlössern aus Bernstein.

Zurück in den 1980ern: Hier beendet Masha, die alte Frau, ihre Geschichte für das Ausgrabungsteam, dessen Mitglieder daraufhin alle Werkzeuge liegenlassen und sich lieber der Vorbereitung der nach der Wende zu erwartenden Aktienspekulation widmen. Masha und Dimitrij beginnen daraufhin, den Boden umzugraben, so daß der Zuschauer nicht weiß, ob sie die zurückgebliebenen Kisten zu finden hoffen oder ein paar Särge inclusive Leichen mit Juwelen und Goldzähnen, eine Grabschändung, wie sie von den Sechzigern an in Kaliningrad nicht unüblich war. In den letzten Sekunden des Films finden die beiden eine Kiste, und als Dimitrij sie öffnet, kippen beide um. Inwiefern das mit der Giftwirkung des Bernsteins zu tun hat oder einfach eine kleine Spitze der antikommunistischen Drehbuchschreiber ist, ist ungewiß. Auch dieses Ende sowie der generell klischéehafte Umgang mit den russischen Charakteren und Traditionen im Script scheinen Gründe für die Entscheidung gewesen zu sein, diesen Teil der Indiana Jones-Serie lieber nicht zu drehen.

Neben Harrison Ford als Indiana Jones sollten u.a. besetzt werden: Jamie Lee Curtis als Indys wissenschaftliche Gegenspielerin Mary-Ann Queensburg, für deren Rolle auch Jodie Foster angefragt wurde, außerdem: Richard Gere als Alan Ehrenwert, Doppelspion mit deutschen Wurzeln, und Sylvester Stallone als Überrusse Dimitrij Masterskij, aber auch deutsche Schauspieler, nämlich Udo Kier als Graf Solms-Laubach und Götz George als Dr. Georg Poensgen. Allein wegen dieser Besetzung hätte ich dieses Spektakel nur zu gern gesehen. Und das Stadtmarketing von Kaliningrad könnte sich heute damit rühmen und eine Tour zu den Originaldrehorten anbieten, auch wenn ein Großteil des Films in US-amerikanischen Studios gedreht worden wäre. Ich wäre auf solch eine Tour angesprungen und auf jede Behauptung des Tourguides reingefallen. Schadeschadeschadeschadeschade.

Architekturvarietégeschäft

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Lieber Jörg, ich lese gerade auf deinen Tip hin Gegen den Tag von Pynchon und habe, glaube ich, noch nie so gelacht, bei keinem Buch, vor allem in den Passagen, in denen es um das Showbiz geht. Apropos Showbiz: Wir suchen gerade noch Gastspielmöglichkeiten für unseren neuen Abend: Evaluation als zeitgenössische Magie. Trotz des Titel diesmal eher weniger Diskurs-Performance als Musiktheaterereignis. Von daher dachte ich, das könnte auch super in dieses neue Varietétheater in Swetlogorsk passen. Kannst du dich da vielleicht mal umhören in der lokalen Szene, einen Kontakt klarmachen? Danke und have fun in the sun, Dein Dario Wario Mario, ohne Zauberer

Lieber Dario, ich weiß ja, daß unsere Freundschaft auf den Polen Geben und Nehmen basiert, im Sinne von: Ich gebe – Du nimmst. Aber in diesem Fall kommt dieses eingeschliffene Prinzip nicht zum Tragen, denn: Welches Theater meinst du?
Daraufhin schickt mir Dario diverse Artikel, in denen das erst 2010, dann Mitte 2012 zu eröffnende Theater für Swetlogorsk angekündigt wird, und nach einer kurzen Recherche weiß ich, wo das sein soll, und sehe das:

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- Shocking!
- Darf ich vorstellen?: das Varietétheater Ekstrady.
- Laß mich raten, nach Erik Estrada, uns allen bekannt als Motorradcop aus der 70er-Fernsehserie Chips?
- Äh, nein.
- Dann nach der architektonischen Bezeichnung Estrade, also: Podest?
- Eher nach den Stars der Estrade, quasi den russischen Schlagerstars, wobei Estrade hier jedes halbwegs musikalische Bühnenprogramm bezeichnen kann, bei dem genügend Menschen, gern auch: Volksfestähnliche Massen, dastehen und sich das Spektakel antun.
- Wenn die russischen Schlagerstars auch nur halbwegs an den Horror der deutschen heranreichen, weiß ich langsam, warum das Theater noch nicht fertig ist, wen soll das denn motivieren?

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Zwei Tage später, nachdem ich online und offline recherchiert habe, unter anderem bei arglosen Bernsteinsuchern am Strand und in Cafés, mit Sonnenbrille und Tageszeitung vor dem Gesicht [falsch herum gehalten, mit Guckloch], kann ich Dario folgendes berichten: Die Probleme, die dazu geführt haben, daß hier weder das große Thomas Mann-Musical Premiere feiern konnte noch die Bernsteinrevue –mit Kostümen, die angeblich zu 100% aus Bernstein bestehen sollten, die armen Tänzer! –, ist wohl ein Wechsel: Zwischendurch scheint die Baufirma gewechselt zu haben, wobei diverse Unterlagen, na, sagen wir: verlorengingen, und die neue Firma kämpft nun damit, während die alte Firma immer noch mit einem alten Baudesaster kämpft, einem Sportpalast namens Bernstein. Bauen als Sport, als Workout, antwortet Dario, aber ich hab schon verstanden, das mit unserer Evaluationsoperette wird wohl in eurem Kurort nix, obwohl ich sagen muß, daß das Thema Evaluation im Zusammenhang mit einem solchen Baudesaster ziemlich gut geeignet wäre, aber die Elbphilharmonie wollte uns auch schon nicht einkaufen. Mal sehen, vielleicht landet Ihr ja doch noch hier, wenn sie es schaffen, die Entwürfe neu zu machen, um die gröbsten Probleme mit Regenwasser, Heizraum und Gaspipeline zu beheben – [das Geld für das Theater stammt übrigens teilweise aus der Gasversorgung] – und das Ding dann fertigzustellen, ich weiß aber nicht, wie groß deine Hoffnung da sein sollte. Mh, ich denke, so in der Größenordnung von dreitausendvierhundert Plätzen. Dream on, Dario, das ist die ALTE Platzzahl, im neuen Entwurf sind es schon nur noch eintausensechshundert. Ist dann wenigstens die Bühne groß? Groß, aber ohne offizielle Baugenehmigung gebaut. Fuck, ich glaube, ich trage in diesem vom Showbiz geschundenen Körper einfach zu viele Illusionen mit mir herum. Da würde ich das empfehlen, was auch eine amerikanische Philosophin empfiehlt. Laß mich raten, Judith Butler? Nein, Jennifer Aniston, die dazu neulich sagte: Detoxen ist einfach die beste Methode, den ganzen Müll aus dem Körper zu bekommen. Und wieviel kostet der Müll? Mindestens einskommaacht Milliarden Rubel. Hoffen wir, daß am Ende das Varietétheater nicht leerbleibt und jugendliche oder vielleicht auch nicht mehr so jugendliche Vandalen nachts dransprühen: Es gibt bewußtlose Menschen, mit denen man mehr Spaß haben kann als mit dir.
Vielleicht aber – denke ich wiederum zwei Tage später, also heute – hat die Leere, die man mit diesem nicht eröffneten Theater nun schon einige Jahre hier in Szene setzt, auch einen anderen Grund. Leer ist der Thron nicht nur deshalb, weil die Herrlichkeit, obwohl sie mit dem Wesen Gottes zusammenfällt, mit diesem nicht eins ist, sondern auch, weil sie zuinnerst Untätigkeit und Sabbatruhe ist. Die Leere ist die souveräne Gestalt der Herrlichkeit. Bene, grazie, Giorgio! Das heißt, wenn ich mich leer fühle, steigert das meine Herrlichkeit? Dario, geh mal in Therapie! Bin ich, aber meine Therapeutin hat sich nach unserer ersten Sitzung aus dem Fenster gestürzt.

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Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [2]

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Fortsetzung von [1]

Die Handlung von Indiana Jones and the Amber Room – in frühen Entwürfen wohl auch: Indiana Jones and the Chamber of Amber – startet mit einem Prolog im Kaliningrad der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Nahe des Hauses der Sowjets sucht ein Ausgrabungsteam nach den Kellerräumen des 1968 gesprengten Königsberger Schlosses, um dort die Überreste des legendären Bernsteinzimmers zu finden. Eine alte Frau rät ihnen, die Suche aufzugeben, und fängt an, ihre Geschichte zu erzählen.

Im Jahr 1941 hält Indiana Jones in seiner bürgerlichen Gestalt als Henry Walton Jones Jr. eine Archäologievorlesung. Eine seiner Studentinnen, die aus Rußland stammende Masha, deren Aufsatz über den Katharinenpalast des Zaren Indiana Jones begeistert hat, bittet ihn um eine Sprechstunde. Währenddessen gibt sie sich als Agentin zu erkennen, die Indy anheuern soll, um das Bernsteinzimer zu retten, das gerade samt Palast an die Wehrmacht übergegangen ist. Neben dem ideellen Wert ist das Bernsteinzimmer für die Russen auch deshalb interessant, weil es als Abwehrschild gegen jegliche Art von Waffen fungieren kann. Falsch eingesetzt, wirkt der fossile Harz allerdings tosisch. Indy weigert sich, den Russen zu helfen, doch Masha betäubt ihn kurzerhand.

Erst auf dem Flug nach Europa wacht Indiana Jones auf. Als er realisiert, daß eine seiner wissenschaftlichen Konkurrentinnen ebenfalls auf dem Weg nach Königsberg ist, wo das Bernsteinzimmer ausgestellt werden soll, wird sein Ehrgeiz geweckt und er beschließt, sowohl ihr als auch den Nazis das Handwerk zu legen.

Die nächste Sequenz zeigt die sechsunddreißigstündige Demontage des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast durch die Wehrmacht und durch die Experten Rittmeister Graf Solms-Laubach und Hauptman Dr. Georg Poensgen, die das Zimmer, in achtundzwanzig Kisten verpackt, nach Königsberg bringen sollen. Daß neunundzwanzig Kisten dorthin gehen, bleibt von ihnen unbemerkt.

In den folgenden fünfundvierzig Minuten des Films kämpft sich Indiana Jones – an seiner Seite die schöne Masha – von der schwedischen Küste aus über Danzig nach Königsberg, wo er seltsamerweise erst im Jahr 1944 ankommt. Das Bernsteinzimmer wird inzwischen – um von seinem Wert als Waffenschutzschild abzulenken – im Königsberger Schloß ausgestellt, in das Indy und Masha schließlich unbemerkt eindringen können. Von einem verrückten Nazi-Museumswächter-Zwillingspärchen aufgespürt, landen sie im Keller des Schlosses, wo Indys Konkurrentin Mary-Ann Queensburg schon wartet, die sich ja drei Jahre zuvor in Kiste No. 29 ins Schloß schmuggeln wollte, aber dabei entdeckt wurde.

Fortsetzung folgt!

Aufräumen

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Liebe Virginia, ich hab schon darüber geschrieben, aber ohne es eigentlich fassen zu können, was das war: die Trennlinie, wo ein Hochhausblock sowjetischer Prägung gegen ein niegelnagelneues Apartmentgebäude stößt. Beide wollen monumental sein, aber die eine Monumentalität löscht die andere aus. Welche welche? Beide einander. Und obwohl ich dachte, ich müßte hier als derjenige, der von außen kommt, alles besser sehen, was sich als die naivste aller naiven Annahmen entpuppt hat, kam ich nicht weiter, bis wir – wo sonst? – bei Immanuel Kant saßen [sorry, Hamann!].
Ich weiß nicht, sagte Sergej, Studierender an der Immanuel-Kant-Universität, der uns in einer Dolmetscher-Übung übersetzen sollte, ich weiß nicht, ich weiß nicht, das paßt nicht zusammen, dort der Dom und daneben ein modernes Apartmentgebäude und daneben die Plattenbautenblocks. Das ist, wie wenn ich mein Haus aufräume, und die eine Hälfte ist komplett sauber und die andere komplett dreckig. Aber die Menschen hier sind so: Wenn einer auf dem Dorf in seinem Haus ein Fenster einwirft, hast du nach einer Woche in allen Häusern ein eingeworfenes Fenster. Wenn einer sein Haus renoviert, renoviert auch ein anderer. Von daher geben die neuen Gebäude, auch wenn sie nicht passen, vielleicht wenigstens den Anstoß, daß die Menschen ihre alten Kästen auch wieder verschönern.
Ist das, liebe Virginia, nun die Hoffnung darauf, daß das glamouröse Beispiel die anderen dazu antreibt, sich endlich selbst zu optimieren? Oder ist es, viel basaler, einfach nur die Hoffnung auf etwas mehr Ordnung, nicht im Sinne von Sicherheitsbestimmungen, von Biopolitik undsoweiter, sondern auf das einfache Ordnen des Raumes, in dem man lebt, also: AUFRÄUMEN! Vergleiche, was Hamann schreibt:

So hoffe ich daß selbst die Unordnung und lüsterne Ausbreitung meiner Absichten durch Gottes Willen ihm nützlich und brauchbar werden können … oder wenigstens daß dieser Schutthaufen durch ihn bald aus dem Wege geräumt werden kann, […] so kostet es Gott wenig ein neu und besser Gebäude, in dem er sich verklären will, an die Stelle des eingefallnen und zerstörten zu setzen.

[Gedanken über meinen Lebenslauf]

Also geht es ums Haushalten, darum, tatsächlich nicht nur die eine Haushälfte in Ordnung zu halten? Und wie ist das, wenn es um eine Stadt geht? Was mich hier seit unserer Ankunft beschäftigt, nein, schon davor, ist die Frage: Wird Kaliningrad über zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion auch schon so aussehen wie die meisten Städte, in denen ich mich so herumtreibe? Manchmal denke ich, daß ich als Zwanzigjähriger auf die Karte der Städte sah, in denen ich war – zum Beispiel Wien, zum Beispiel Berlin, zum Beispiel das Ruhrgebiet als Riesenstadt – und dabei immer nur den realen, tatsächlichen Plan dieser Stadt sah, nur ein paar Straße, nur einen winzigen Teil eines urbanen Gefüges, das sich längst angeschickt hatte, viel größer zu werden. Denn nach 1990 haben alle größeren Städte Westeuropas versucht, einzigartig zu werden, und jetzt gerade habe ich das Gefühl, daß sie das nur wurden, um sich zusammenzuschließen, zu einer Metropole, die authentisch, hip, kreativ ist. Also eigentlich eine einzige globalisierte Stadt – [wenn Globalisierung wieder nur die der Waren und Images meint, die die erste Welt so will] –, die sich tatsächlich vor allem in den zehn Jahren, die zurückliegen, vergrößert hat und auf einmal viele Sprachen spricht, Bahnhöfe, Flughäfen, Schnellstraßen dazugewonnen hat, und dennoch in allen Vierteln, wenn man den Ton abschaltet, irgendwie gleich aussieht. Eine globale kreative Stadt, in der wir unsere Leben für die Kreisläufe der Wertschöpftung zur Verfügung stellen, um selbst als authentisch, hip, kreativ einzugehen, in das Lexikon, an dem wir alle mitschreiben. Das Lexikon der Trauer.
Daß Kaliningrad noch nicht zu dieser Megastadt gehört, ist allerdings kein Grund, traurig zu sein. Wie mir ein weiterer Student namens Aristoteles auf dem Gang der Uni ins Ohr flüsterte: Eine Stadt ist ihrem Wesen nach eine Vielheit, und wenn sie in stärkerem Maße eins wird, ist sieh eher ein Haushalt [oika] als eine Stadt. Wieder also sind wir beim Haushalten. Dem, liebe Virginia, muß ich hier noch weiter nachgehen. Bei Hamann ist das Haushalten die Regierung Gottes, bei uns die Regierung des Kapitalismus, der stolz auf sich zeigt und sagt: Ich bin Haushälterin, und das professionell, denn jedes Mal, wenn ich mich trenne, behalte ich das Haus. Aber gibt es in den Worten Sergejs vom halb aufgeräumten Haus nicht noch einen Rest, irgendwas, was für ein anderes Verständnis von oikonomia/Ökonomie fruchtbar werden könnte? Ich bin mal am Strand, nach Bernsteinen wühlen, in den Algen, und vielleicht auch ein bißchen in den Begierden und Geschichten, die sich in dem verstecken, wie mein Körper sich in den Städten verhält, in denen er sich gern aufhält, am Schnittpunkt von Bedürfnissen, die aus der Vergangenheit kommen und in die Zukunft weisen. Oder auch mal andesrum. Machs gut. Wir sprechen. Dein J

ausbesserungsanstalt