Über Hendrik Jackson

Hendrik Jackson (*1971 Düsseldorf, aufgewachsen in Münster) studierte Slawistik, Filmwissenschaft und Philosophie. Er lebt als freier Autor, Übersetzer aus dem Russischen und Herausgeber in Berlin und bekam u.a. 2004 den GWK-Förderpreis. Veröffentlichungen (Auswahl): Im Licht der Prophezeiungen. Gedichte (2012); Alexej Parschtschikow: Erdöl. Gedichte. Russisch – Deutsch. Üebrs. Von H.J. (2010); Im Innern der zerbrechenden Schale. Poetik und Pastichen. Essays (2007); Dunkelströme. Gedichte (2006); Marina Zwetajewa: Poem vom Ende / Neujahrsbrief. Übers. Von H. J. (2003); brausende Bulgen – 95 Thesen über die Flußwasser in der menschlichen Seele. (2004).

kleine Postkarte an die Stadt K.

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verehrte Kunstrichter! urtheilt nicht zu hart über uns!
ja, ich weiß, folgende Themen blieben unerledigt:
- Sprache-Maschinen-Automatik (“rasende Körper”)
- Oktober 44 Generalangriff Gauleiter Koch
- Tilsit incl. Johannes Bobrowski, von einem kleinen Litauer gewarnt
- Hannah Arendt und die Ehrung in einer der nächsten Jahre
- die Totentänze im Krematorium
- Trofimow und die noch warmen Betten
- das Kreuz im Dom, das Kindern Zuflucht bot, bis es genau dieses traf
- die Synagoge und Franziska Skarina
- Sumbur! Sumbur!
- die Gesichtszüge entgleisten – leis// die Bandmuskulaturlokomotiven – schliefen// die Beinsäule, peripatetisch, stand – in altem Gewand// des Armknochens Gazellengelenk – ein graziöses Geschenk
- die Dichter hören keine Dichter
- 1542 und die Gründung der Königsberger Universität durch Albrecht
- wir begegnen der fundamentalen Verschrecktheit in der Existenz entweder durch Rückzug oder durch brachiale Beherrschung
- dagegen das entspannende Meer, einnehmende Unendlichkeit (Foto!), schließlich sogar gütige Nahrungsaufnahme
- bevor wir in die zermalmenden Rädchen unserer eigenen Historie zurückgeworfen werden, rufen wir also ein glückliches До свидания и спасибо! der Stadt K. zu

X.

 

Entkleidung und Verklärung

ich nehme noch einmal Hamann zur Hand, schlage auf und – wie der Ast auf Gilmanows Kopf unweit von Hamanns Grab in Münster, so fällt auf mich die Kapitelüberschrift: “Vermächtnis”. und ich folge der Spur zu “Entkleidung und Verklärung”. in der Tat: wir können unsere Rolle des beobachtenden, recherchierenden, prophetisierenden und reflektierenden Autors auf Hamanns Spuren ablegen und beginnen, die Zeit hier, Traumjob und Erinnerungsarbeit, in unsere eigene Erinnerung zu überführen, in unser eigenes “alter Name”, immer unter dem Banner der Verklärung
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“Da also die Summe des Gegenwärtigen unendlich klein ist gegen die das mehrfache Aggregrat des Abwesenden, und der Geist des Weissagung unendlich überlegen dem einfältigen Geiste der Beobachtung:”

und spätestens hier fällt mir auf, dass wir die ganze Zeit genau zwischen diesen beiden Polen schwebten: Bartfeld mit seinen unendlichen Erinnerungsaggregaten eines Abwesenden und Gilmanow mit seiner Apokalypse und seinen Orakeln. und wir – unendlich klein dazwischen als Beobachter, einfältig aber gegenwärtig. Sammler und Jäger.
oder einfach wie die hier:
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“… so hängt unser Erkenntnisvermögen von den vielköpfigen Modificationen der innigsten, dunkelsten und tiefsten Billigungs- und Begehrungstriebe ab, denen es unterthan seyn muß.” (S.384, Bd3 Nadler)
doch Rettung naht:
“Dies ist zugleich wieder ein Beweis von dem unzertrennlichen Bande zwischen dem Geist der Beobachtung und Weissagung. Freilich ist unser Wissen Stückwerk,und unser Weissagen Stückwerk; vereinigt aber, ist es eine dreyfache Schnur, die nicht leicht entzwey reißt.” (S. 398)
man achte auf das unlogische dreyfach! das ist doch ein Zeichen!! (Jörg, der Recherchist der Spuren, Marion, die Finderin der Formen, ich – in den sich kreuzenden Fäden gegenwärtiger Reden und Töne, in denen die Zukunft liegt)
nun wird mir klar: das Fell des Autors auszuziehen reicht nicht, auch nicht in Verklärung zu schwelgen, es gilt, das Gesehene revisionär Revue passieren zu lassen, “im Lichte der Prophezeiungen” (ha! das nenn ich mal eine Spur!)
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eine strahlende Zukunft, von Dichterhand geschaffen. (kleine Anm: diese strahlende Manifestation des Sozialismus, aufragend am Strand, Lift in die Zukunft, jetzt noch verfallen weil befallen von Vergangenheit, wird dereinst von der Hand des Freunds des Dichters wieder auferstehen als Panoramacafé)
“Ich will mich aber selbst entkleiden, meine Hände ausbreiten, wie sie ein Schwimmer ausbreitet, um über das stille gehende Wasser der Vergangenheit zu schwimmen oder darinne unterzugehen.”(S. 404)

flieg, Albatros, flieg!

der Hüter des Seyns

es gibt eine Geschichte des Meers und eine Geschichte der Region.
es gibt eine Geschichte des Bernsteinzimmers. es gibt vermutlich keine Drehbuch-story von Indiana Jones, aber es gibt eine Kette namens Kruasson (alter Name: “Croissant”) und es gibt das Seyn. und eine Geschichte des Seyns. und eine Geschichte des Geldes. und eine Geschichte der Geschichte.

Geschichte ist ein Sack, darin Geld, riesige Haufen.
Doch gibt es auch eine Geschichte des Sacks.
Wer macht den Knoten? Wer bindet eine Schlaufe
und hängt die mächtigen Jahrhunderte an einen Stock? (Parschtschikow)

Geld, Geschichte, Verfilmungen – und am Ende der Bernsteinkette das Kruasson und ein Dichter im Bilderrausch. auch Hamann berauschte sich an Bildern (& Vergleichen). unakademische Preisfrage: treffen sich zwei Dichter in der Kette? kann denn das Seyn sündig sein? weiblich? formbar? lassen sich die russischen Männer zu sehr formen (Gilmanow über Oblomow)? wer bindet eine Schlaufe? 
ЮбилейУниве400
Bildunterschrift: in der Mitte der Hut des Seyns

noch 1944 feierte die Albertina ihre Helden. unter ihnen Hamann. marschiert Hoffmann in vierter Reihe? werden Sie jetzt zum Hüter des Seyns, diese Stelle ist lange Zeit schon vakant. selbst die Dichterinnen schreiben statt über Liebe (“wenn nicht mehr..”) über Formen und Figuren (“hallo? Zauberwort?” ” hä was?”).
leichter war es nie. wenn ihr Fragen habt, nur zu. ich lausche ihm und euch. hört selbst.
der simple sound des Seyns

gez. der Hüter des Seyns aus dem Novaliszimmer im Hoffmannhaus

BeGeisterung!

Ich muss nochmal auf folgendes Zitat zurück kommen:

“Warum kann der Mensch sein eigen Selbst nicht kennen? Dies muß bloß in dem Zustande unserer Seelen liegen. Die Natur, die uns in lauter Räthseln und Gleichnissen von dem Unsichtbaren unterrichtet, zeigt uns an den Beziehungen, von denen unser Körper abhängt, wie wir uns die Beziehung unseres Geistes auf andere Geister vorstellen können. So wie der Leib den Gesetzen der äusseren Gegenstände unterworfen ist, der Luft, dem Boden, der Würkung anderer Körper: so müssen uns wir unsere Seele gleichfalls vorstellen. Sie ist dem beständigen Einfluß höherer Geister ausgesetzt und mit selbigen verknüpft; dies macht daher unstreitig unser eigen Selbst so zweifelhaft, daß wir selbiges nicht erkennen, unterscheiden, noch selbst bestimmen können.”

gestern, als Marion Poschmann aus ihrem Band Geister Sehen las, zeigte sich, dass es mit den Geistern eine diffizilere Sache ist. man sollte meinen, einem Bartfeld, der in seinen Gedichten immerzu die Vergangenheit beschwört, das Abwesende, sollte eine Dichtung, die auf alte Formen rekurriert und “feinstoffliche” Bewegungen des Geistes nachzeichnet, nicht fremd sein. es ist aber scheinbar doch ein ziemlicher Unterschied, ob man sich auf Vergangenes wie auf Sichtbares (wir beschrieben die Anwesenheit des Abwesenden), Erinnerbares bezieht, oder auf Aktuelles (Nebel, Stille, Autobahn) wie auf Verschwindendes, Vergängliches, “Geisterhaftes”. der eine Ansatz versucht zu rationalisieren, wieder zu beleben, den tausendfach überschrieben Ort zu entziffern, der andere, feinste Bewegungen hinter der Materialiät zu beschwören, die in jedem Moment bedroht sind. Rekonstruktion und die “Berührung zweier Pausen”, wie Parschtschikow einmal schrieb und was mir hier zumindest ansatzweise auch zu passen scheint. Stille, Dauer, Gegenwärtigkeit einer saturnischen Zeit birgt Rätsel, oder möchte sie schaffen, die eben auch das Verstehen in Frage stellen. und hier zeigte sich, dass ein Nichtverstehen manchmal mehr in Bewegung setzt, als ein Verstehen. wo wir Konkretes sahen, griff der aus seiner Bahn geworfene russische Dichter anstelle des Konkreten immer höhere Kategorien. so entsteht Begeisterung! die Fülle des Unverstandenen drängt auf Materialisation! die Geister metamorphisieren zu Göttern. aber bis dahin entfaltet sich wunderbares Nichtverstehen, der Zauber des Ungreifbaren.

live *** (siehe unten)

topoljam po dorogam – pappeln am wegesrand
totschno pesnja serebritsja – als ob ein lied versilbert
w prochladnom polumrake – im kalten halbdunkel
tschisy evo stojat, wremja tschepschit – seine uhren stehen, die zeit flüstert
i vse she beret toska – und trotzdem packt einen die schwermut
totschno podozreniem – ganz genau als ob ein verdacht
ljubil tebja ne tajas – ich liebte dich ohne wegzuducken (anm: und ich verstand ohne zu schmelzen)
a mart ushe zagorajas – und märz schon im zenit (frei übersetzt)

(nicht repräsentativ! instant-translation)

der Dichter im Originalton