kleine Postkarte an die Stadt K.

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verehrte Kunstrichter! urtheilt nicht zu hart über uns!
ja, ich weiß, folgende Themen blieben unerledigt:
- Sprache-Maschinen-Automatik (“rasende Körper”)
- Oktober 44 Generalangriff Gauleiter Koch
- Tilsit incl. Johannes Bobrowski, von einem kleinen Litauer gewarnt
- Hannah Arendt und die Ehrung in einer der nächsten Jahre
- die Totentänze im Krematorium
- Trofimow und die noch warmen Betten
- das Kreuz im Dom, das Kindern Zuflucht bot, bis es genau dieses traf
- die Synagoge und Franziska Skarina
- Sumbur! Sumbur!
- die Gesichtszüge entgleisten – leis// die Bandmuskulaturlokomotiven – schliefen// die Beinsäule, peripatetisch, stand – in altem Gewand// des Armknochens Gazellengelenk – ein graziöses Geschenk
- die Dichter hören keine Dichter
- 1542 und die Gründung der Königsberger Universität durch Albrecht
- wir begegnen der fundamentalen Verschrecktheit in der Existenz entweder durch Rückzug oder durch brachiale Beherrschung
- dagegen das entspannende Meer, einnehmende Unendlichkeit (Foto!), schließlich sogar gütige Nahrungsaufnahme
- bevor wir in die zermalmenden Rädchen unserer eigenen Historie zurückgeworfen werden, rufen wir also ein glückliches До свидания и спасибо! der Stadt K. zu

X.

 

Vergoldete Energie

Jetzt ist es schon so weit, das zu sagen: Wiedersehen, до свидания, Goodbye!
Ich wäre so gern noch eine Menge mehr gewesen. Wie ist es überhaupt möglich, daß man mich für eine stolze, historisch aufgeladene Stadt hat halten können, wo es mir niemals möglich gewesen, mich was ich bin und seyn kann, zu entdecken? Ja, wir stehen mit andern Dingen in Verbindung, und eine Materie, über die wir verbunden sind, ist die Sprache, die uns immer schon destabilisiert und loslöst von dem Ort, der uns sicher war. Auf gewisse Weise gehen wir, wenn wir auf andere treffen, wenn wir mit ihnen zusammen sind, schon über uns hinaus, die anderen aber auch, so daß wir uns gegenseitig enteignen, auch wenn wir denken: So weit kann ich doch gar nicht reichen. Jetzt reicht es aber doch! Bitte nicht weinen. Macht er doch gar nicht mehr. Nie mehr. Tatsächlich hatte er beschlossen, Tränen als unproduktiven Luxus aufzugeben. [Thomas Pynchon]

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der Hüter des Seyns

es gibt eine Geschichte des Meers und eine Geschichte der Region.
es gibt eine Geschichte des Bernsteinzimmers. es gibt vermutlich keine Drehbuch-story von Indiana Jones, aber es gibt eine Kette namens Kruasson (alter Name: “Croissant”) und es gibt das Seyn. und eine Geschichte des Seyns. und eine Geschichte des Geldes. und eine Geschichte der Geschichte.

Geschichte ist ein Sack, darin Geld, riesige Haufen.
Doch gibt es auch eine Geschichte des Sacks.
Wer macht den Knoten? Wer bindet eine Schlaufe
und hängt die mächtigen Jahrhunderte an einen Stock? (Parschtschikow)

Geld, Geschichte, Verfilmungen – und am Ende der Bernsteinkette das Kruasson und ein Dichter im Bilderrausch. auch Hamann berauschte sich an Bildern (& Vergleichen). unakademische Preisfrage: treffen sich zwei Dichter in der Kette? kann denn das Seyn sündig sein? weiblich? formbar? lassen sich die russischen Männer zu sehr formen (Gilmanow über Oblomow)? wer bindet eine Schlaufe? 
ЮбилейУниве400
Bildunterschrift: in der Mitte der Hut des Seyns

noch 1944 feierte die Albertina ihre Helden. unter ihnen Hamann. marschiert Hoffmann in vierter Reihe? werden Sie jetzt zum Hüter des Seyns, diese Stelle ist lange Zeit schon vakant. selbst die Dichterinnen schreiben statt über Liebe (“wenn nicht mehr..”) über Formen und Figuren (“hallo? Zauberwort?” ” hä was?”).
leichter war es nie. wenn ihr Fragen habt, nur zu. ich lausche ihm und euch. hört selbst.
der simple sound des Seyns

gez. der Hüter des Seyns aus dem Novaliszimmer im Hoffmannhaus

live *** (siehe unten)

topoljam po dorogam – pappeln am wegesrand
totschno pesnja serebritsja – als ob ein lied versilbert
w prochladnom polumrake – im kalten halbdunkel
tschisy evo stojat, wremja tschepschit – seine uhren stehen, die zeit flüstert
i vse she beret toska – und trotzdem packt einen die schwermut
totschno podozreniem – ganz genau als ob ein verdacht
ljubil tebja ne tajas – ich liebte dich ohne wegzuducken (anm: und ich verstand ohne zu schmelzen)
a mart ushe zagorajas – und märz schon im zenit (frei übersetzt)

(nicht repräsentativ! instant-translation)

der Dichter im Originalton