kleine Postkarte an die Stadt K.

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verehrte Kunstrichter! urtheilt nicht zu hart über uns!
ja, ich weiß, folgende Themen blieben unerledigt:
- Sprache-Maschinen-Automatik (“rasende Körper”)
- Oktober 44 Generalangriff Gauleiter Koch
- Tilsit incl. Johannes Bobrowski, von einem kleinen Litauer gewarnt
- Hannah Arendt und die Ehrung in einer der nächsten Jahre
- die Totentänze im Krematorium
- Trofimow und die noch warmen Betten
- das Kreuz im Dom, das Kindern Zuflucht bot, bis es genau dieses traf
- die Synagoge und Franziska Skarina
- Sumbur! Sumbur!
- die Gesichtszüge entgleisten – leis// die Bandmuskulaturlokomotiven – schliefen// die Beinsäule, peripatetisch, stand – in altem Gewand// des Armknochens Gazellengelenk – ein graziöses Geschenk
- die Dichter hören keine Dichter
- 1542 und die Gründung der Königsberger Universität durch Albrecht
- wir begegnen der fundamentalen Verschrecktheit in der Existenz entweder durch Rückzug oder durch brachiale Beherrschung
- dagegen das entspannende Meer, einnehmende Unendlichkeit (Foto!), schließlich sogar gütige Nahrungsaufnahme
- bevor wir in die zermalmenden Rädchen unserer eigenen Historie zurückgeworfen werden, rufen wir also ein glückliches До свидания и спасибо! der Stadt K. zu

X.

 

Vergoldete Energie

Jetzt ist es schon so weit, das zu sagen: Wiedersehen, до свидания, Goodbye!
Ich wäre so gern noch eine Menge mehr gewesen. Wie ist es überhaupt möglich, daß man mich für eine stolze, historisch aufgeladene Stadt hat halten können, wo es mir niemals möglich gewesen, mich was ich bin und seyn kann, zu entdecken? Ja, wir stehen mit andern Dingen in Verbindung, und eine Materie, über die wir verbunden sind, ist die Sprache, die uns immer schon destabilisiert und loslöst von dem Ort, der uns sicher war. Auf gewisse Weise gehen wir, wenn wir auf andere treffen, wenn wir mit ihnen zusammen sind, schon über uns hinaus, die anderen aber auch, so daß wir uns gegenseitig enteignen, auch wenn wir denken: So weit kann ich doch gar nicht reichen. Jetzt reicht es aber doch! Bitte nicht weinen. Macht er doch gar nicht mehr. Nie mehr. Tatsächlich hatte er beschlossen, Tränen als unproduktiven Luxus aufzugeben. [Thomas Pynchon]

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Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [3]

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Fortsetzung von [1] und [2]

Während die Briten ihre Luftangriffe auf Königsberg starten und Indy und Masha im Schloß gegen eine Horde Nazis kämpfen, kann Queensburg zeitgleich das Bernsteinzimmer abbauen, da sie sich alle Schritte bei der Demontage durch die Deutschen im Katharinenpalast fotografisch genau merkte. Trotz des wieder in achtundzwanzig Kisten verstauten Schatzes drohen Indy und Co. nun allerdings, mit dem Schloß zusammen auszubrennen. Die Nazis erwarten von außen den Tod der Drei, doch da taucht mit seinem Luftschiff Mashas Cousin Dimitrij auf, der Indy, die Frauen und das Bernsteinzimmer retten kann. Allerdings bleiben von achtundzwanzig Kisten zwei im Schloß.

Die beiden Amerikaner und die beiden Russen beschließen, das Zimmer zu je gleichen Teilen mitzunehmen und ihren Regierungen als Waffenschutz zu verkaufen, damit letztlich beide Mächte die selbe Chance haben, den Krieg zu gewinnen. Doch da stürzt das Luftschiff, von deutschen Kanonen getroffen, über der Ostsee ab, und Indy und Mary-Ann Queensburg können sich gerade noch an einem Fallschirm nach Schweden retten, von wo aus sie wieder in die USA kommen. Was mit den russischen Agenten geschieht, ist ungewiß. Die sechsundzwanzig Bernsteinzimmerkisten landen im Meer und versorgen bis zum heutigen Tage die Händler in diversen Ostseeorten mit Material für den Verkauf von Ketten, Broschen, Ringen, Bilderrahmen, Eulen, Adlern und Miniaturschlössern aus Bernstein.

Zurück in den 1980ern: Hier beendet Masha, die alte Frau, ihre Geschichte für das Ausgrabungsteam, dessen Mitglieder daraufhin alle Werkzeuge liegenlassen und sich lieber der Vorbereitung der nach der Wende zu erwartenden Aktienspekulation widmen. Masha und Dimitrij beginnen daraufhin, den Boden umzugraben, so daß der Zuschauer nicht weiß, ob sie die zurückgebliebenen Kisten zu finden hoffen oder ein paar Särge inclusive Leichen mit Juwelen und Goldzähnen, eine Grabschändung, wie sie von den Sechzigern an in Kaliningrad nicht unüblich war. In den letzten Sekunden des Films finden die beiden eine Kiste, und als Dimitrij sie öffnet, kippen beide um. Inwiefern das mit der Giftwirkung des Bernsteins zu tun hat oder einfach eine kleine Spitze der antikommunistischen Drehbuchschreiber ist, ist ungewiß. Auch dieses Ende sowie der generell klischéehafte Umgang mit den russischen Charakteren und Traditionen im Script scheinen Gründe für die Entscheidung gewesen zu sein, diesen Teil der Indiana Jones-Serie lieber nicht zu drehen.

Neben Harrison Ford als Indiana Jones sollten u.a. besetzt werden: Jamie Lee Curtis als Indys wissenschaftliche Gegenspielerin Mary-Ann Queensburg, für deren Rolle auch Jodie Foster angefragt wurde, außerdem: Richard Gere als Alan Ehrenwert, Doppelspion mit deutschen Wurzeln, und Sylvester Stallone als Überrusse Dimitrij Masterskij, aber auch deutsche Schauspieler, nämlich Udo Kier als Graf Solms-Laubach und Götz George als Dr. Georg Poensgen. Allein wegen dieser Besetzung hätte ich dieses Spektakel nur zu gern gesehen. Und das Stadtmarketing von Kaliningrad könnte sich heute damit rühmen und eine Tour zu den Originaldrehorten anbieten, auch wenn ein Großteil des Films in US-amerikanischen Studios gedreht worden wäre. Ich wäre auf solch eine Tour angesprungen und auf jede Behauptung des Tourguides reingefallen. Schadeschadeschadeschadeschade.

Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [2]

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Fortsetzung von [1]

Die Handlung von Indiana Jones and the Amber Room – in frühen Entwürfen wohl auch: Indiana Jones and the Chamber of Amber – startet mit einem Prolog im Kaliningrad der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Nahe des Hauses der Sowjets sucht ein Ausgrabungsteam nach den Kellerräumen des 1968 gesprengten Königsberger Schlosses, um dort die Überreste des legendären Bernsteinzimmers zu finden. Eine alte Frau rät ihnen, die Suche aufzugeben, und fängt an, ihre Geschichte zu erzählen.

Im Jahr 1941 hält Indiana Jones in seiner bürgerlichen Gestalt als Henry Walton Jones Jr. eine Archäologievorlesung. Eine seiner Studentinnen, die aus Rußland stammende Masha, deren Aufsatz über den Katharinenpalast des Zaren Indiana Jones begeistert hat, bittet ihn um eine Sprechstunde. Währenddessen gibt sie sich als Agentin zu erkennen, die Indy anheuern soll, um das Bernsteinzimer zu retten, das gerade samt Palast an die Wehrmacht übergegangen ist. Neben dem ideellen Wert ist das Bernsteinzimmer für die Russen auch deshalb interessant, weil es als Abwehrschild gegen jegliche Art von Waffen fungieren kann. Falsch eingesetzt, wirkt der fossile Harz allerdings tosisch. Indy weigert sich, den Russen zu helfen, doch Masha betäubt ihn kurzerhand.

Erst auf dem Flug nach Europa wacht Indiana Jones auf. Als er realisiert, daß eine seiner wissenschaftlichen Konkurrentinnen ebenfalls auf dem Weg nach Königsberg ist, wo das Bernsteinzimmer ausgestellt werden soll, wird sein Ehrgeiz geweckt und er beschließt, sowohl ihr als auch den Nazis das Handwerk zu legen.

Die nächste Sequenz zeigt die sechsunddreißigstündige Demontage des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast durch die Wehrmacht und durch die Experten Rittmeister Graf Solms-Laubach und Hauptman Dr. Georg Poensgen, die das Zimmer, in achtundzwanzig Kisten verpackt, nach Königsberg bringen sollen. Daß neunundzwanzig Kisten dorthin gehen, bleibt von ihnen unbemerkt.

In den folgenden fünfundvierzig Minuten des Films kämpft sich Indiana Jones – an seiner Seite die schöne Masha – von der schwedischen Küste aus über Danzig nach Königsberg, wo er seltsamerweise erst im Jahr 1944 ankommt. Das Bernsteinzimmer wird inzwischen – um von seinem Wert als Waffenschutzschild abzulenken – im Königsberger Schloß ausgestellt, in das Indy und Masha schließlich unbemerkt eindringen können. Von einem verrückten Nazi-Museumswächter-Zwillingspärchen aufgespürt, landen sie im Keller des Schlosses, wo Indys Konkurrentin Mary-Ann Queensburg schon wartet, die sich ja drei Jahre zuvor in Kiste No. 29 ins Schloß schmuggeln wollte, aber dabei entdeckt wurde.

Fortsetzung folgt!

Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [1]

Dieser geplante, aber nie realisierte und später geheimgehaltene Film wäre der dritte in der bekannten Indiana Jones-Reihe von George Lucas und Steven Spielberg gewesen. An dessen Stelle rückte dann der ursprünglich als vierter Part geplante und 1989 veröffentlichte: Indiana Jones und der letzte Kreuzzug [Indiana Jones and the Last Crusade].

Die genauen Gründe das Scheitern der Produktion liegen im Dunkeln. Einige Quellen stellen die geopolitischen Hintergründe der Jahre 1987 bis 1989 in den Vordergrund: Als früheres Königsberg habe gerade Kaliningrad auch in diesen Jahren als nicht ungefährliches Pflaster für internationale Filmproduktionen gegolten, zumal die Stadt nicht nur von Militärpräsenz gekennzeichnet war, sondern auch als Musterstadt der UdSSR herhalten sollte, was sich allerdings spätestens in den frühen Achtzigern bereits als grenzenlos optimistisch herausgestellt hatte. Bei den unvorhersehbaren Ereignissen wollten George Lucas und Steven Spielberg weder riskieren, das Filmteam und das Budget in Gefahr zu bringen – immerhin spielt das Drehbuch im vor-russischen Königsberg –, noch wollte man in irgendeiner Weise unfreiwillige Werbung machen für das untergehende Sowjetimperium. Andere Quellen hingegen behaupten, die Vorbereitung des ebenfalls von George Lucas’ Firma hergestellten Computerspiels Indiana Jones and the Last Crusade sei so weit fortgeschritten gewesen, daß man lieber alles auf eine Marketingkarte gesetzt und auch den dazugehörigen Film herausgebracht habe. Eine einzelne weitere Stimme hält gegen diese beiden Theorien, all das sei Blödsinn, und der wahre Grund für die Entscheidung gegen diesen Teil sei Harrison Fords Engagement in der mittelprächtigen Komödie Working Girl [deutscher Titel: Die Waffen der Fauen] mit Sigourney Weaver und Melanie Griffith gewesen, das vom Drehplan möglichen Aufnahmen in Kaliningrad im Weg gestanden habe. Daß ausgerechnet eine unter dem Deckmantel des Sozialmärchens daherkommende Romantic Comedy, die noch dazu naiv und affirmativ den Financial District von New York, die Welt von Corporate America, als Setting wählt, dürfte angesichts des komplexen Drehbuchs des geplanten Indiana Jones-Projekt ein weiteres Tüpfelchen der Ironie sein.

Fortsetzung folgt!

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der russische Wald, der deutsche Wald

nicht weit vom Hotel, da wo der Stadtrand beginnt, schließt unmittelbar neben dem Fitnesscenter “Albatros”, in dem der Berliner Schriftsteller Jörg A. ohne Badehaube seine ovalen Bahnen um dicke Männer herum schwimmt, ein Wald an. in Deutschland nennen wir es Wald. es sind Bäume vorhanden, einige Lichtungen, keine Befestigung, kein Gulli, keine Schilder. aber Wege. wo ein Weg durch den Wald geschlagen ist, wo noch Stadt ist, beginnt logischerweise Kultur: der Park. ein russischer Park kann das sein, was wir bereits Wald nennen. niemals kann in Russland ein Wald sein, was bei uns unter Wald läuft: ein befestiger Weg durch angepflanzte Baumreihen mit großzügiger Beschilderung, Kanalisation und Abfallkörben. allenfalls noch “Wäldchen”.

begib dich also in das Wäldchen, gehe direkt hinein
wir betreten einen Wald

hier und dort Grüppchen, Grillen, Flaschen, Hunde. an manchen Stellen Schlamm, sodass man einen Umweg ziehen muss. aus den “hoch-hinaus”-Blöcken hinaus in die Niederung des Wäldchens, raue Luft, es ruft die Flasche Bier. dort und hier ein feminines Tuscheln, burschikales Brüllen.
zwei verirren sich nicht im Wald
und dann kommt die kehlige Versammlung. immer dichter, vom kleinen “See” her, russisch vermutlich Tümpel. die Intonation Bartfelds habe ich inzwischen verinnerlicht. so wie er uns gestern das Konservatorium – oder war es Planetarium? – mir geht alles durcheinander in dem Sepia-Farben-Schwarz-Weiß-verblichenen Gemisch verschiedener Zeiten, Fotos, Bezeichnungen und Sprachen (während er, der vielbeschäftigte Hotelier, spielend seinen Gedichteintrag vom ersten Tag, immerhin fast drei Wochen her, auswendig rezitiert und ich mich frage, ob die Russen vielleicht ein Poesie-Gen haben, was anderen Nationen fehlt) – er also auf das Gemälde im dunklen Rittersaal zeigte: da fahren wir hin! – und als wir ankamen und auf einem Hügel standen er selbstverständlich fest stellte: hier ist es – und wir einmal mehr nicht wussten: wie und wo und was? und wir standen darauf, aber ihm sind bereits alle Zeiten eine, die Nichtpräsenz scheint sich rein sprachlich auszudrücken: alter Name, neuer Name, soundsoviel Jahre. Punkt. an dieser Art von Historie führt kein Weg für den, der wissen will, vorbei. und so beginne ich auch, in der schleichenden Russifizierung, zunehmend die deutsche Sprache wie etwas Vergangenes aufzurufen: früherer Name “Wald”. früherer Name “See”.
jetzt Tümpel. jetzt Frosch. jetzt Haiku.
nein, Herr, sie haben nichts verschluckt

und wenn mir morgen nach Swetlogorsk fahren, wird uns dort nun der deutsche Wald oder das russische Wäldchen begegnen? jedenfalls wird doch der russische, belassenere Wald, nehme ich an, mehr mit dem Wald zu tun haben, der auch Hoffmann, Kleist, Thomas Mann, Hamann begegnet ist. der deutsche Wald? aber warum schrieben gerade die ersten drei hier ihre besten oder zumindest einige der besten Werke? am östlichsten Rande Deutschlands. es muss etwas mit der Randlage, aber auch mit der Entfernung zu tun haben. mit der Tiefe? mit den Froschlauten, der Rauheit, der Ausgesetztheit? früherer Name: Rauschen. es raucht in mir. es raucht im Wald an mehrern Feuern. Waldesrauschen. im Bach schwimmt die Karausche. ist es nicht Ironie, wenn uns dann, bei der Heimkehr, russische Menschen in drolligen Kostümen im Hotel begegnen und singen?
klatscht und tanzt ihr Fröhlichen!

ich schließe das Fenster. immer weniger weiß ich, wo ich eigentlich bin. ich  hatte vorhin noch Boris Bartfeld erklärt, was es in Marion Poschmanns Gedicht heißt, eine Haustierexistenz zu sein, hingestellt vor die Realpräsenz. nun ja, einfach zu sein, in der Präsenz, auf einem  ”Abstellgleis”, ohne gefragt worden zu sein. eigentlich einfach. und er hatte mich verwundert gefragt: “so wenig Wörter für so viel Gedanken”? hier aber ist alles Geschichte. und so viel Wörter und Bezeichnungen. und so viel Vergangenheit. und die Büsten der Dichter. für so wenig Gegenwart?
warte nur, Baldrian

und bald, im Wald von Swetlogorsk – ein Rauschen, Aufrascheln: der Georg reitet durch die fallenden Blätter. an ihm nagt ein kleiner Lindwurm, er frisst sich durch die Blätter der Dichter. müssen denn die Katholiken aus jedem Wurm einen Drachen machen? Lachen. hier beginnt der Mythos. und eine neue Reise.

Kaliningrader Stimmen

Drei Kaliningrader Stimmen

Wladimir Gilmanow über eine mögliche Topographie der Ideen mit regionalem Bezug:  Wladimir Gilmanow
(Auszug aus dem Anfang der Vorlesung)

Wir haben versucht, eine regionale Topologie der Idee zu entwickeln, d.h. eine Idiographie des Ortes, an dem Sie leben. Ein sehr besonderer Topos, dieses Königsberg/Kaliningrad. Wir haben von Anfang an versucht, dies genauer festzulegen, indem wir zunächst davon gesprochen haben, inwie weit es globale Topoi gibt: die Menscheit, das Weltall. Wo sie schon geheim für sich entscheiden: was ist diese Welt, was das Leben. Aber der Mensch wohnt ganz konkret, an einem ganz konkreten Ort jetzt zu dieser Zeit, an diesem Punkt der Geschichte. Das versuchen wir heute zu besprechen, diese Kaliningrader Region, eine sehr schwierige Topographie der Idee. Wir hatten am Anfang des Kurses bereits erwähnt, dass verschiedene Traditionen philosophischer, theologischer, künstlerisch-literarischer, ja sogar politischer Gedanken, dass also verschiedenste Denker diese Region ansehen als eine Art verdichtetes Modell genereller Wiederholung – einer möglichen tragischen Zukunft … also es gab einen berühmten Philosophen, der darüber nachgedacht hat, wie man die Probleme der Zukunft menschlich löst, das alles im Kontext einer Philosophie des ewigen Friedens. Sie wissen, dass die Stadt dieses Philosophen in einem der schrecklichsten Kriege starb in Folge einer Umklammerung durch verrückte und grausame Ideen. Königsberg als Topos gibt es eigentlich nicht, weshalb ein bekannter moderner Philosoph und Literaturwissenschaftler, Klaus Garber, Königsberg ein Emblem der Apokalypse durch den Unverstand der menschlichen Blindheit nannte. (Zwischenfrage: wer?) Klaus Garber, ein Philosoph aus Osnabrück, nannte Königsberg (deutsch:) ein Emblem der Apokalypse durch menschliche Hand. Ihr lebt in einer wichtigen Zeit, die sich als Zeit des Transits festlegen lässt, als ein Übergang in eine neue Qualität des Friedens. Das man muss man richtig verstehen, auch Ihr, obwohl Sie natürlich noch sehr jung seid und eine solche scharfe Problemstellung lässt sich nicht einfach übertragen, aber wenn sie den Ernst, diesen, wenn sie so wollen, eschatologischen Ernst, darüber wurde schon viel geschrieben, den Ernst verlieren, besteht die Gefahr, dass sie zu nur einen Archetyp menschlicher Blindheit darstellen, innerer und äußerer. Wir denken, die Welt ist so, aber sie ist ganz anders, wir denken, wir sehen sie, aber in Wirklichkeit sehen wir sie nicht. Deshalb wollte ich ihr Gespür dafür stärken, was essentiell und was akzidentiell ist. Vor allem für die Frage, wer der Mensch ist: was ist der Mensch? Kann man aus der Erfahrung der Geschichte, vor allem aus der Region Königsbergs/Kaliningrads eine Idee ziehen. Wir haben über die Geschichte Preußens gesprochen, über die Orden, verbunden mit der Idee eines christlich zentrierten Weltbilds im Mitelalter. Dann haben wir über die Phasen des Übergangs in neue Zeiten gesprochen, über das Phänomen eines Menschen, der ihnen wohl bekannt ist, Herzog Albrecht.(…)

Wladimir Gilmanow – Vorlesung vom 6.5.2013 (übersetzt von H.J:)

Zweite Stimme
Boris Bartfelds poetische Reaktion auf einen Beitrag Jörg Albrechts über das “Epizentrum” (Namen machen Häuser, Häuser machen Städte):  Boris Bartfeld 

5.5. Improvisation No7 auf das Thema Jörgs

Hopps Treppe
“Namen machen Häuser, Häuser machen Städte”, 5. Mai von Jörg Albrecht

Das Haus der Technik
     Schlageter-Haus
          eine reale Aktionsbombe
wir sind im Epizentrum der Explosion
     in uns das Chaos
          der Waren und Chaos ringsum
In Moskau verendete Bauhaus
          versickerte im Sumpf

Leo Schlageter
     spielt mit Bomben
Explosionen nicht in Königsberg
     sondern im industriellen Ruhrgebiet
die Universität Bochums
     produziert Roboter
          und Sprengmeister
               für ganz Europa

Hanns Hopp*
     hopp, hü – hopp!
          Kasache, tanz und sing!
an der Ruhr die Gopniki **,
     und Hopp, ein bißchen entstellt
aber erhalten
     in König

die Offiziere der baltischen Flotte
     tanzen in der Hocke
          den Kosacken
und im Chor singen sie im Hause Hopp
          Russenlieder.

Majakowskis Strophen
          winden sich als Treppchen
hinab in die Zimmer
          des Hotels HOPP
zu einem Lied
          der Commedian Harmonists,
Majakowski schlängelte sich hinein,
          aber holla,
               die Erinnerungstafel – entfernt,
schrecklich!
     es traf sich nicht, dass die Genies
          sich trafen – mit ihrer Zeit

Der Ratsvorsitzende sitzt vorne
               und gießt Konjak ein
     analysiert das Tohuwabohu
          täglich wandern Strategie
               papiere ins neu Archiv
Trinken wir auf den russischen
     Konstruktivismus
und den alten Hopp,
leb wohl
und sei gegrüsst Europa
unter den Fenstern des Vorsitzenden Hopps.

Wer nannte zu Ehren des Bombenlegers
     das Haus Hopp
          eine Bombe?
Vollkommener Zerfall,
     Nazis haben ihren Anteil
          ein Kommunist
          tanzt hier nicht Twist.
tauschen wir die Bombe
     mit dem Namen Hopp,
     gehen wir in sein Restaurant.
Dynamo gießt einen Vodka ein
     Für die Architekten
          aller Länder und Kontinente

übersetzt von H. Jackson

*Hanns Hopp – Architekt, 9.2. Lübeck – 21.2.71 Berlin DDR

seine wichtigsten Gebäude in Königsberg: Östlicher Markt, rundes Restaurant des Markts (Sportsaal “Dynamo”); Haus der Technik (jetzt Einkaufszentrum “Bombe”), Park-Hotel, Rathaus Königsberg (des Bürgermeisters Kaliningrads), Haus des Radios und des neuen russisch-preussischen Archivs; Handwerksschule für Mädchen (Has der Offiziere der baltischen Flotte); Flughafenkomplex Devau – der älteste Passagierflughafen Deutschlands
** Gopniki – russ. einfache Banditen, Kriminelle, Schläger

 3. Stimme
Leserreaktion vom 5.5.2013 von Pawel Belizkij auf den Eintrag von Hendrik Jackson “Du sollst dir ein Bild machen, aber ein bestimmtes”:

Ich erkenne darin (Anm. des Übersetzers: in den Ausführungen zum Thema Fotografieren in Kaliningrad) eine logische Kette nach dem Muster: Russland – Probleme mit dem Fotografieren – Strategisches Objekt – FSB. Das ist mir allzu bekannt. Selbst in Deutschland habe ich solche Reaktionen erlebt, wenn nur herauskam, dass ich aus Russland komme. Meiner Ansicht nach ist das politische System recht weit entfernt von den Gründen der heutigen Unfreundlichkeit. Die Mehrzahl hat keinerlei Erfahrungen mit dem FSB. Die Anweisungen “Wie verhalte ich mich gegenüber Ausländern” werden bereits seit 1987 nicht mehr vertrieben ;)

In den vergangenen 20 Jahren habe ich mich viel mit jungen Deutschen unterhalten: der KGB dient als universales Erklärungsmuster für alle möglichen Negativerscheinungen in den Beziehungen ;-) )) ich weiß auch, was man in den letzten 50 Jahren in der deutschen Presse über Russland schreibt.

Ich bestreite überhaupt nicht, dass es in Russland zuhauf Klischees gibt. Die Einwohner können nicht anders. “Deutsche-Bier-Wurst-Nazis”. Aber Sie, mein Herr, sind doch gebildet!
Kleine Ergänzung (7.5.2013) von H.J.:
Vielen Dank für die Kritik. Ich möchte in der Tat nicht den Eindruck erwecken, so eine Art Spiegel-online-Analyse auf Küchenpsychologieebene zu liefern. Mir geht es um generelle Auswirkungen repressiver Systeme, dazu gehört eigentlich jeder staatlicher Druck, auch in Deutschland, wenn dort auch ganz anders gelagert. Auch feiner oder unsichtbarer Druck kann sich in die alltäglichen Gewohnheiten einschleichen, vielleicht sogar stärker, weil unbemerkt. (Hendrik Jackson)