Vergoldete Energie

Jetzt ist es schon so weit, das zu sagen: Wiedersehen, до свидания, Goodbye!
Ich wäre so gern noch eine Menge mehr gewesen. Wie ist es überhaupt möglich, daß man mich für eine stolze, historisch aufgeladene Stadt hat halten können, wo es mir niemals möglich gewesen, mich was ich bin und seyn kann, zu entdecken? Ja, wir stehen mit andern Dingen in Verbindung, und eine Materie, über die wir verbunden sind, ist die Sprache, die uns immer schon destabilisiert und loslöst von dem Ort, der uns sicher war. Auf gewisse Weise gehen wir, wenn wir auf andere treffen, wenn wir mit ihnen zusammen sind, schon über uns hinaus, die anderen aber auch, so daß wir uns gegenseitig enteignen, auch wenn wir denken: So weit kann ich doch gar nicht reichen. Jetzt reicht es aber doch! Bitte nicht weinen. Macht er doch gar nicht mehr. Nie mehr. Tatsächlich hatte er beschlossen, Tränen als unproduktiven Luxus aufzugeben. [Thomas Pynchon]

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Entkleidung und Verklärung

ich nehme noch einmal Hamann zur Hand, schlage auf und – wie der Ast auf Gilmanows Kopf unweit von Hamanns Grab in Münster, so fällt auf mich die Kapitelüberschrift: “Vermächtnis”. und ich folge der Spur zu “Entkleidung und Verklärung”. in der Tat: wir können unsere Rolle des beobachtenden, recherchierenden, prophetisierenden und reflektierenden Autors auf Hamanns Spuren ablegen und beginnen, die Zeit hier, Traumjob und Erinnerungsarbeit, in unsere eigene Erinnerung zu überführen, in unser eigenes “alter Name”, immer unter dem Banner der Verklärung
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“Da also die Summe des Gegenwärtigen unendlich klein ist gegen die das mehrfache Aggregrat des Abwesenden, und der Geist des Weissagung unendlich überlegen dem einfältigen Geiste der Beobachtung:”

und spätestens hier fällt mir auf, dass wir die ganze Zeit genau zwischen diesen beiden Polen schwebten: Bartfeld mit seinen unendlichen Erinnerungsaggregaten eines Abwesenden und Gilmanow mit seiner Apokalypse und seinen Orakeln. und wir – unendlich klein dazwischen als Beobachter, einfältig aber gegenwärtig. Sammler und Jäger.
oder einfach wie die hier:
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“… so hängt unser Erkenntnisvermögen von den vielköpfigen Modificationen der innigsten, dunkelsten und tiefsten Billigungs- und Begehrungstriebe ab, denen es unterthan seyn muß.” (S.384, Bd3 Nadler)
doch Rettung naht:
“Dies ist zugleich wieder ein Beweis von dem unzertrennlichen Bande zwischen dem Geist der Beobachtung und Weissagung. Freilich ist unser Wissen Stückwerk,und unser Weissagen Stückwerk; vereinigt aber, ist es eine dreyfache Schnur, die nicht leicht entzwey reißt.” (S. 398)
man achte auf das unlogische dreyfach! das ist doch ein Zeichen!! (Jörg, der Recherchist der Spuren, Marion, die Finderin der Formen, ich – in den sich kreuzenden Fäden gegenwärtiger Reden und Töne, in denen die Zukunft liegt)
nun wird mir klar: das Fell des Autors auszuziehen reicht nicht, auch nicht in Verklärung zu schwelgen, es gilt, das Gesehene revisionär Revue passieren zu lassen, “im Lichte der Prophezeiungen” (ha! das nenn ich mal eine Spur!)
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eine strahlende Zukunft, von Dichterhand geschaffen. (kleine Anm: diese strahlende Manifestation des Sozialismus, aufragend am Strand, Lift in die Zukunft, jetzt noch verfallen weil befallen von Vergangenheit, wird dereinst von der Hand des Freunds des Dichters wieder auferstehen als Panoramacafé)
“Ich will mich aber selbst entkleiden, meine Hände ausbreiten, wie sie ein Schwimmer ausbreitet, um über das stille gehende Wasser der Vergangenheit zu schwimmen oder darinne unterzugehen.”(S. 404)

flieg, Albatros, flieg!

Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [3]

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Fortsetzung von [1] und [2]

Während die Briten ihre Luftangriffe auf Königsberg starten und Indy und Masha im Schloß gegen eine Horde Nazis kämpfen, kann Queensburg zeitgleich das Bernsteinzimmer abbauen, da sie sich alle Schritte bei der Demontage durch die Deutschen im Katharinenpalast fotografisch genau merkte. Trotz des wieder in achtundzwanzig Kisten verstauten Schatzes drohen Indy und Co. nun allerdings, mit dem Schloß zusammen auszubrennen. Die Nazis erwarten von außen den Tod der Drei, doch da taucht mit seinem Luftschiff Mashas Cousin Dimitrij auf, der Indy, die Frauen und das Bernsteinzimmer retten kann. Allerdings bleiben von achtundzwanzig Kisten zwei im Schloß.

Die beiden Amerikaner und die beiden Russen beschließen, das Zimmer zu je gleichen Teilen mitzunehmen und ihren Regierungen als Waffenschutz zu verkaufen, damit letztlich beide Mächte die selbe Chance haben, den Krieg zu gewinnen. Doch da stürzt das Luftschiff, von deutschen Kanonen getroffen, über der Ostsee ab, und Indy und Mary-Ann Queensburg können sich gerade noch an einem Fallschirm nach Schweden retten, von wo aus sie wieder in die USA kommen. Was mit den russischen Agenten geschieht, ist ungewiß. Die sechsundzwanzig Bernsteinzimmerkisten landen im Meer und versorgen bis zum heutigen Tage die Händler in diversen Ostseeorten mit Material für den Verkauf von Ketten, Broschen, Ringen, Bilderrahmen, Eulen, Adlern und Miniaturschlössern aus Bernstein.

Zurück in den 1980ern: Hier beendet Masha, die alte Frau, ihre Geschichte für das Ausgrabungsteam, dessen Mitglieder daraufhin alle Werkzeuge liegenlassen und sich lieber der Vorbereitung der nach der Wende zu erwartenden Aktienspekulation widmen. Masha und Dimitrij beginnen daraufhin, den Boden umzugraben, so daß der Zuschauer nicht weiß, ob sie die zurückgebliebenen Kisten zu finden hoffen oder ein paar Särge inclusive Leichen mit Juwelen und Goldzähnen, eine Grabschändung, wie sie von den Sechzigern an in Kaliningrad nicht unüblich war. In den letzten Sekunden des Films finden die beiden eine Kiste, und als Dimitrij sie öffnet, kippen beide um. Inwiefern das mit der Giftwirkung des Bernsteins zu tun hat oder einfach eine kleine Spitze der antikommunistischen Drehbuchschreiber ist, ist ungewiß. Auch dieses Ende sowie der generell klischéehafte Umgang mit den russischen Charakteren und Traditionen im Script scheinen Gründe für die Entscheidung gewesen zu sein, diesen Teil der Indiana Jones-Serie lieber nicht zu drehen.

Neben Harrison Ford als Indiana Jones sollten u.a. besetzt werden: Jamie Lee Curtis als Indys wissenschaftliche Gegenspielerin Mary-Ann Queensburg, für deren Rolle auch Jodie Foster angefragt wurde, außerdem: Richard Gere als Alan Ehrenwert, Doppelspion mit deutschen Wurzeln, und Sylvester Stallone als Überrusse Dimitrij Masterskij, aber auch deutsche Schauspieler, nämlich Udo Kier als Graf Solms-Laubach und Götz George als Dr. Georg Poensgen. Allein wegen dieser Besetzung hätte ich dieses Spektakel nur zu gern gesehen. Und das Stadtmarketing von Kaliningrad könnte sich heute damit rühmen und eine Tour zu den Originaldrehorten anbieten, auch wenn ein Großteil des Films in US-amerikanischen Studios gedreht worden wäre. Ich wäre auf solch eine Tour angesprungen und auf jede Behauptung des Tourguides reingefallen. Schadeschadeschadeschadeschade.

Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [2]

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Fortsetzung von [1]

Die Handlung von Indiana Jones and the Amber Room – in frühen Entwürfen wohl auch: Indiana Jones and the Chamber of Amber – startet mit einem Prolog im Kaliningrad der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Nahe des Hauses der Sowjets sucht ein Ausgrabungsteam nach den Kellerräumen des 1968 gesprengten Königsberger Schlosses, um dort die Überreste des legendären Bernsteinzimmers zu finden. Eine alte Frau rät ihnen, die Suche aufzugeben, und fängt an, ihre Geschichte zu erzählen.

Im Jahr 1941 hält Indiana Jones in seiner bürgerlichen Gestalt als Henry Walton Jones Jr. eine Archäologievorlesung. Eine seiner Studentinnen, die aus Rußland stammende Masha, deren Aufsatz über den Katharinenpalast des Zaren Indiana Jones begeistert hat, bittet ihn um eine Sprechstunde. Währenddessen gibt sie sich als Agentin zu erkennen, die Indy anheuern soll, um das Bernsteinzimer zu retten, das gerade samt Palast an die Wehrmacht übergegangen ist. Neben dem ideellen Wert ist das Bernsteinzimmer für die Russen auch deshalb interessant, weil es als Abwehrschild gegen jegliche Art von Waffen fungieren kann. Falsch eingesetzt, wirkt der fossile Harz allerdings tosisch. Indy weigert sich, den Russen zu helfen, doch Masha betäubt ihn kurzerhand.

Erst auf dem Flug nach Europa wacht Indiana Jones auf. Als er realisiert, daß eine seiner wissenschaftlichen Konkurrentinnen ebenfalls auf dem Weg nach Königsberg ist, wo das Bernsteinzimmer ausgestellt werden soll, wird sein Ehrgeiz geweckt und er beschließt, sowohl ihr als auch den Nazis das Handwerk zu legen.

Die nächste Sequenz zeigt die sechsunddreißigstündige Demontage des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast durch die Wehrmacht und durch die Experten Rittmeister Graf Solms-Laubach und Hauptman Dr. Georg Poensgen, die das Zimmer, in achtundzwanzig Kisten verpackt, nach Königsberg bringen sollen. Daß neunundzwanzig Kisten dorthin gehen, bleibt von ihnen unbemerkt.

In den folgenden fünfundvierzig Minuten des Films kämpft sich Indiana Jones – an seiner Seite die schöne Masha – von der schwedischen Küste aus über Danzig nach Königsberg, wo er seltsamerweise erst im Jahr 1944 ankommt. Das Bernsteinzimmer wird inzwischen – um von seinem Wert als Waffenschutzschild abzulenken – im Königsberger Schloß ausgestellt, in das Indy und Masha schließlich unbemerkt eindringen können. Von einem verrückten Nazi-Museumswächter-Zwillingspärchen aufgespürt, landen sie im Keller des Schlosses, wo Indys Konkurrentin Mary-Ann Queensburg schon wartet, die sich ja drei Jahre zuvor in Kiste No. 29 ins Schloß schmuggeln wollte, aber dabei entdeckt wurde.

Fortsetzung folgt!

Aufräumen

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Liebe Virginia, ich hab schon darüber geschrieben, aber ohne es eigentlich fassen zu können, was das war: die Trennlinie, wo ein Hochhausblock sowjetischer Prägung gegen ein niegelnagelneues Apartmentgebäude stößt. Beide wollen monumental sein, aber die eine Monumentalität löscht die andere aus. Welche welche? Beide einander. Und obwohl ich dachte, ich müßte hier als derjenige, der von außen kommt, alles besser sehen, was sich als die naivste aller naiven Annahmen entpuppt hat, kam ich nicht weiter, bis wir – wo sonst? – bei Immanuel Kant saßen [sorry, Hamann!].
Ich weiß nicht, sagte Sergej, Studierender an der Immanuel-Kant-Universität, der uns in einer Dolmetscher-Übung übersetzen sollte, ich weiß nicht, ich weiß nicht, das paßt nicht zusammen, dort der Dom und daneben ein modernes Apartmentgebäude und daneben die Plattenbautenblocks. Das ist, wie wenn ich mein Haus aufräume, und die eine Hälfte ist komplett sauber und die andere komplett dreckig. Aber die Menschen hier sind so: Wenn einer auf dem Dorf in seinem Haus ein Fenster einwirft, hast du nach einer Woche in allen Häusern ein eingeworfenes Fenster. Wenn einer sein Haus renoviert, renoviert auch ein anderer. Von daher geben die neuen Gebäude, auch wenn sie nicht passen, vielleicht wenigstens den Anstoß, daß die Menschen ihre alten Kästen auch wieder verschönern.
Ist das, liebe Virginia, nun die Hoffnung darauf, daß das glamouröse Beispiel die anderen dazu antreibt, sich endlich selbst zu optimieren? Oder ist es, viel basaler, einfach nur die Hoffnung auf etwas mehr Ordnung, nicht im Sinne von Sicherheitsbestimmungen, von Biopolitik undsoweiter, sondern auf das einfache Ordnen des Raumes, in dem man lebt, also: AUFRÄUMEN! Vergleiche, was Hamann schreibt:

So hoffe ich daß selbst die Unordnung und lüsterne Ausbreitung meiner Absichten durch Gottes Willen ihm nützlich und brauchbar werden können … oder wenigstens daß dieser Schutthaufen durch ihn bald aus dem Wege geräumt werden kann, […] so kostet es Gott wenig ein neu und besser Gebäude, in dem er sich verklären will, an die Stelle des eingefallnen und zerstörten zu setzen.

[Gedanken über meinen Lebenslauf]

Also geht es ums Haushalten, darum, tatsächlich nicht nur die eine Haushälfte in Ordnung zu halten? Und wie ist das, wenn es um eine Stadt geht? Was mich hier seit unserer Ankunft beschäftigt, nein, schon davor, ist die Frage: Wird Kaliningrad über zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion auch schon so aussehen wie die meisten Städte, in denen ich mich so herumtreibe? Manchmal denke ich, daß ich als Zwanzigjähriger auf die Karte der Städte sah, in denen ich war – zum Beispiel Wien, zum Beispiel Berlin, zum Beispiel das Ruhrgebiet als Riesenstadt – und dabei immer nur den realen, tatsächlichen Plan dieser Stadt sah, nur ein paar Straße, nur einen winzigen Teil eines urbanen Gefüges, das sich längst angeschickt hatte, viel größer zu werden. Denn nach 1990 haben alle größeren Städte Westeuropas versucht, einzigartig zu werden, und jetzt gerade habe ich das Gefühl, daß sie das nur wurden, um sich zusammenzuschließen, zu einer Metropole, die authentisch, hip, kreativ ist. Also eigentlich eine einzige globalisierte Stadt – [wenn Globalisierung wieder nur die der Waren und Images meint, die die erste Welt so will] –, die sich tatsächlich vor allem in den zehn Jahren, die zurückliegen, vergrößert hat und auf einmal viele Sprachen spricht, Bahnhöfe, Flughäfen, Schnellstraßen dazugewonnen hat, und dennoch in allen Vierteln, wenn man den Ton abschaltet, irgendwie gleich aussieht. Eine globale kreative Stadt, in der wir unsere Leben für die Kreisläufe der Wertschöpftung zur Verfügung stellen, um selbst als authentisch, hip, kreativ einzugehen, in das Lexikon, an dem wir alle mitschreiben. Das Lexikon der Trauer.
Daß Kaliningrad noch nicht zu dieser Megastadt gehört, ist allerdings kein Grund, traurig zu sein. Wie mir ein weiterer Student namens Aristoteles auf dem Gang der Uni ins Ohr flüsterte: Eine Stadt ist ihrem Wesen nach eine Vielheit, und wenn sie in stärkerem Maße eins wird, ist sieh eher ein Haushalt [oika] als eine Stadt. Wieder also sind wir beim Haushalten. Dem, liebe Virginia, muß ich hier noch weiter nachgehen. Bei Hamann ist das Haushalten die Regierung Gottes, bei uns die Regierung des Kapitalismus, der stolz auf sich zeigt und sagt: Ich bin Haushälterin, und das professionell, denn jedes Mal, wenn ich mich trenne, behalte ich das Haus. Aber gibt es in den Worten Sergejs vom halb aufgeräumten Haus nicht noch einen Rest, irgendwas, was für ein anderes Verständnis von oikonomia/Ökonomie fruchtbar werden könnte? Ich bin mal am Strand, nach Bernsteinen wühlen, in den Algen, und vielleicht auch ein bißchen in den Begierden und Geschichten, die sich in dem verstecken, wie mein Körper sich in den Städten verhält, in denen er sich gern aufhält, am Schnittpunkt von Bedürfnissen, die aus der Vergangenheit kommen und in die Zukunft weisen. Oder auch mal andesrum. Machs gut. Wir sprechen. Dein J

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Diebe und Poeten

Wenn eine einzige Wahrheit gleich der Sonne herrscht; das ist Tag. Seht  ihr an statt dieser einzigen so viel, als Sand am Ufer des Meeres; – hiernächst ein klein Licht das jenes ganze Sonnenheer an Glanz übertrifft; das ist eine Nacht, in die sich Poeten und Diebe verlieben. – - Der Poet am Anfang der Tage ist derselbe mit dem Dieb am Ende der Tage (H-man)

erst jüngst, vor drei Tagen, machten wir die Bekanntschaft mit solch einem Dieb am Ende der Tage, der sein Poetentum zum Neuanfang seiner Tage gemacht hatte. als wir uns auf den Weg nach Swetlogorsk machten, wartete er bereits im Bus, knapp über 80, kahl, schlank, mit einem uns entgegenpurzelnden Schalk. kaum war die Tür geschlossen, begann eine dieser Erzählungen, die schwer wieder zu geben ist, da das Leben die besseren (und unwahrscheinlicheren) Geschichten schreibt. während wir dem Ziel entgegenrumpelten, hielt er uns auf Trab mit einer Ausstrahlung und Energie, die man oft vergeblich unter Zwanzigjährigen sucht. immer wieder kicherte er voll Freude, dann wieder flog die Hand im bauschigen Bogen, während er die Stationen seines Lebens durchging. als kleiner Junge auf dem Weg ins Konzentrationslager von einem rothaarigen Deutschen gerettet, aus dem Schlamm zurückgeworfen in den mit Menschen vollgequetschten Waggon, von dem er gerutscht war. Geschichten aus jener epochalen abgrundtief schwarzen Nacht, in der er sich noch, auf der Plattform, an einem Paar roter Schuhe festsehen konnte, sie begehrte, als Kind, wie ein Licht, das alle in Unordnung und Perversion geratenen “Wahrheiten” ringsum überstrahlt. wie er dies Paar roter Schuhe später im Lager an einem anderen Kind sieht und haben möchte. “lass die Schuhe” hält ihn die Mutter zurück, “er ist bereits tot”. über die Blicke der sterbenden Kinder, mild und stumm (“sie waren immer ganz still”) (meine Unmöglichkeit, dies zu übersetzen in dem Moment – während ich an Majakowkijs berühmte, umstrittene Zeilen denken muss “ich liebe es zu sehen, wie Kinder sterben”). nahtloser Übergang zu seiner Gefangenschaft  in der Sowjetunion (wegen Diebstahls und irgendwelcher Händel, im Gefängnis zettelt er dann eine Rebellion an – “zweimal im Lager, mich kriegt man nicht unter, ich bin eine Kugel, die den Lauf verlassen hat und zielgerichtet fliegt”). wie er Einzelhaft will und bekommt, weil er droht, jedem, der ihm in seiner Zelle im Weg steht, umzubringen. “ich bin von Natur aus ein Dieb” sagt er, was seiner Frau, neben ihm, ein “was erzählst du!” entfahren lässt. seine stibitzende Freude, seine fröhlich überrumpelnde und energische Art lässt dies mehr als glaubhaft erscheinen. nach einem Jahr wird er als psychisch Kranker in eine Klinik entlassen. “psychisch krank” hieß, dass er urplötzlich behauptete, er sei zum Schriftsteller berufen und berühmt. als er den Komissionsraum betritt, der über seine Gesundheit befinden soll, setzt er sich auf den noch freien Stuhl des Vorsitzenden der Komission und erklärt die Sitzung des Schriftstellerverbandes mit ihm als Vorsitzenden für eröffnet und begrüßt die anwesenden Kollegen. danach gab es keine Fragen mehr.

wenig später kommt er dann ganz frei, tatsächlich als Schriftsteller. nachdem er die Rolle des Schriftstellers erfolgreich monatelang gespielt hatte, war ihm zu Bewusstsein gekommen, dass er tatsächlich schreiben sollte. was wir seinen drehbuchreifen Geschichten (in denen vielleicht der Einfluss von Literatur und Film eine nicht ganz zu vernachlässigende Rolle spielt?) leichthin entnehmen können – - – aber wie verhält es sich nun mit Poet und Dieb? es mag sein, dass ohne diese Lebensenergie, die sich aus diesem kleinen Licht speist, das in die Nacht der Gleichgültigkeit und beliebigen Wahrheitsvariationen geworfen wird, keine Poesie und kein Begehren (die Triebfeder des Diebstahls) möglich ist. vielleicht aber mit einem kleinen Unterschied: in den glücklichsten Momenten wird das Wort selbst dies Licht.

Seltsame Leerstellen

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Auf diesem Hügel stand einmal die Bessel-Sternwarte.

 

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In einem anderen Haus, aber an dieser Stelle, lebte zwanzig Jahre lang Immanuel Kant.

 

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Bevor der Neubau den Blick auf den Dom versperrte, stand auf diesem Parkplatz das Haus der Großeltern von E.T.A. Hoffmann, in das dieser als Zweijähriger mit seiner Mutter einzog – nachdem er seine ersten beiden Lebensjahre hier verbracht hatte:eta 2

 

Und ungefähr hier…

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…oder hier wohnte Heinrich von Kleist.