Vergoldete Energie

Jetzt ist es schon so weit, das zu sagen: Wiedersehen, до свидания, Goodbye!
Ich wäre so gern noch eine Menge mehr gewesen. Wie ist es überhaupt möglich, daß man mich für eine stolze, historisch aufgeladene Stadt hat halten können, wo es mir niemals möglich gewesen, mich was ich bin und seyn kann, zu entdecken? Ja, wir stehen mit andern Dingen in Verbindung, und eine Materie, über die wir verbunden sind, ist die Sprache, die uns immer schon destabilisiert und loslöst von dem Ort, der uns sicher war. Auf gewisse Weise gehen wir, wenn wir auf andere treffen, wenn wir mit ihnen zusammen sind, schon über uns hinaus, die anderen aber auch, so daß wir uns gegenseitig enteignen, auch wenn wir denken: So weit kann ich doch gar nicht reichen. Jetzt reicht es aber doch! Bitte nicht weinen. Macht er doch gar nicht mehr. Nie mehr. Tatsächlich hatte er beschlossen, Tränen als unproduktiven Luxus aufzugeben. [Thomas Pynchon]

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Beim Messias dauert immer alles viel länger als bei mir

Endlich habe ich einen Begriff für das gefunden, was in meinem Leben falschläuft, oder was anders laufen müßte, und jetzt, wo ich es weiß, schreibe ich an meine Wiener Freundin Nastassja, deren Katholizismus ich für nicht ausgeprägt, aber wenigstens vorhanden halte: Da ich nun den Begriff gefunden haben, müßte ich eigentlich religiös werden, um mich zu befreien und ein messianisches Leben zu führen. Und welcher Philosoph hat dich nun auf den richtigen Begriff gestoßen?, fragt Nastassja zurück, wohl doch kaum Hamann, oder?, auch wenn du ihn ja offenbar fleißig liest, zumindest vor der Kamera. [Siehe: mein Mail-Attachment an Nastassja!]* In einer Art Fußnote fügt sie noch Namen von Philosophen ein, deren Schreiben sich nicht unbedingt immer explizit auf Religiöses bezieht, aber letztlich darauf basiert, und die alle eine Version des Messianischen entwerfen: Walter Benjamin, Martin Buber, Jaques Derrida. Nein, keiner von denen, schreibe ich, hat mir geholfen.

Ich lebe in der Hektik der Sünde, sagt Wladimir Gilmanov entschuldigend zu uns, während wir gemütlich zu einem Strandspaziergang aufbrechen, der – das wissen wir, seine vier Begleiter noch nicht, er aber wahrscheinlich schon – zwar entspannt verlaufen wird, wie es entspannter kaum sein könnte, bei 28°, Sonne, Wind, der meine Haut nicht merken läßt, daß es ihr eigentlich schon wieder zu viel UV-Licht ist, doch am Ende werden wir bemerken, daß Autoschlüssel und Mobiltelefon unseres Freundes, des Philosophen, irgendwo verloren gegangen sind, was uns nicht nur die Chance gibt, der Sünde der Hektik beizuwohnen, die Gilmanov uns eigentlich vermitteln wollte, sondern auch noch Teil von ihr zu werden. Schließlich tauchen die Gegenstände wieder auf, aus den Taschen einer ehrlichen Finderin, die, wie wir später über ein von ihr geschossenes Foto, auf dieses Foto angewendete Gesichtserkennung und geschickte Googletechniken herausfinden werden, in den Siebzigern bis Achtzigern des 20. Jahrhunderts KGB-Spionin war. Allerdings nicht in Realität und auch nicht in reality, sondern in der konventionellen Fiktion: In Dutzenden Agentenfilmen jener Zeit spielte sie mit, von denen wiederum 95% in einer Villa gedreht wurden, die wir zu Beginn unseres Strandspaziergangs besichtigen: Erbaut von einem Architekten namens Göring, bewohnt von einem Arzt, später genutzt als Teil des Militärsanatoriums von Swetlogorsk, für die hohen Offiziere. Hier spielte die Frau, der wir den Fund zu verdanken haben, als sehr junge Dame ihre Rollen. In einem Interview, das sie einer russischen Filmzeitschrift in den Neunzigern gab [die Übersetzung kann hier nur stichwortartig erfolgen], spricht sie über die Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten: Die knapp gestrickten Zeitpläne zwangen immer wieder zu großer Hektik, zugleich mußten aber eine gewisse Ruhe und Entspanntheit produziert werden, die von den Agentenfiguren, trotz Härte und Pokerface, erwartet wurde. Deshalb also, sagt Hendrik, hat sich die Frau erst nach vierzig Minuten am vereinbarten Treffpunkt eingefunden, um die Gegenstände zu übergeben, obwohl sie nur fünf Minuten entfernt gewesen war. Sie kam dann auch angeschlendert, als gehörte sie gar nicht in diese Szene, als ginge sie der Fund der Gegenstände gar nichts an. Wieder einmal erwies das Spielen, erwies die inszenierte Form des Daseins einen Vorteil: Nichts und niemand kann mir diese Ruhe und Entspanntheit, die ich vor der Kamera lernte, nehmen, sagt die Schauspielerin dann auch – im Interview.

Und wo bin ICH? Hier sitze ich und will eigentlich an was ganz anderem schreiben, MUSS aber unbedingt diese Gedanken loswerden. Das Bloggen hat meine sowieso schon hektische Arbeitsweise noch einmal gesteigert, und wieder wächst meine Angst, in ein paar Jahren von einem Arzt durchgecheckt zu werden, der bei mir, Kinski-like, diverse Narben von Herzanfällen feststellt, von denen ich nichts gemerkt hab. Die Sünde der Hektik, jaja. Aber mich interessiert doch eher der, durch einen kleinen Verdreher, entstandene Begriff: Hektik der Sünde. Und die ist noch viel stärker als ihr Umkehrpendant: Immer, wenn ich sündige, auch alles ganz schnell machen: schnell essen, schnell rauchen, schnell trinken, schnell küssen, schnell schnell schnell mal Sex, und dann is gut. Das Sündigen ist keines, weil es etwas moralisch Verbotenes darstellt, nicht weil es ein Tabu wäre, das zu tun, sondern weil damit der vollgestopfte Alltag unterbrochen wird, der nur meiner großen Liebe namens Arbeit gehört, nur sie darf alles bestimmen.

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder das Gefühl gehabt, daß zumindest die Sünde der Hektik hier vielleicht keine so große Rolle spielt, daß es – obwohl die Menschen viel mehr arbeiten müssen als bei uns: mehrere Jobs auf einmal, zu allen möglichen Zeiten und an allen möglichen Tagen – eine Gelassenheit gibt. Ist die vielleicht aus den Dreharbeiten für die Spionagefilme in die Spionagefilme und von den Spionagefilmen in die Bevölkerung übergegangen, die diese Spionagefilme sah? Muß ich jetzt alle die in der Villa Göring gedrehten Filme sehen, um mir diese Gelassenheit anzueignen? Ist das überhaupt machbar, oder hat sich das Hektische schon viel zu sehr in mich eingeschrieben? Ist das Problem, daß ich immer wieder versuche, dieses Leben zu leben? Es hilft leider nicht, ich kann nicht weiter, ohne jetzt wieder Agamben zu zitieren: Im Messias leben bedeutet nichts anderes, als in jedem Augenblick und in jeder Hinsicht das Leben, das wir leben, zu widerrufen und unwirksam zu machen, […] heißt, daß das Leben mit keiner vorherbestimmten Form mehr übereinstimmen kann. Und der Dichtung schreibt er zu, diese Art, zu leben, möglich zu machen, da hier die Sprache sich zurücklehnen und sich selbst betrachten kann, in einer Untätigkeit, die er mit der göttlichen Herrlichkeit verbindet. Und wie könnte man FÜR ein Leben leben? Jetzt komme ich nicht mehr mit, schreibt mir Nastassja, ich bin da eher bei einer anderen Vorstellung des Messianischen, nämlich aus der Performance Art und Theory kommend: Wir performen Dinge und wissen, daß sie nie ganz gelingen werden, daß immer ein Rest bleibt, der uns davon abhält, ganz mit dem eins zu werden, was wir spielen. Und das wäre doch ein messianischer Moment: Irgendetwas kommt immer noch, ist nie da. Zum Beispiel: Demokratie als etwas, das noch kommen wird, das wie niemals verwirklichen können, aber die Bedürfnisse, die uns veranlassen, uns in das politische Geschehen einzumischen, sind dennoch stark, nicht weil wir denken, wir können alles erreichen, sondern weil wir wissen, es ist eigentlich unmöglich, aber wir müssen es TROTZDEM. So wie ich in der Liebe immer gerade die will, die ich sowieso nie erreichen kann, schreibe ich. Aber das wäre doch genau die Unmöglichkeit, das Leben zu leben, und auf der anderen Seite eben die Möglichkeit, FÜR es zu leben, und dadurch allem an uns immer wieder zu sagen: Du bist nicht zuende, du kannst noch ganz andere Wege finden, hier zu sein, und jetzt: MACH! Geh rein und halte dich auf in der Sünde, anstatt gleich wieder rauszulaufen, um im Auftrag des Geldes noch mehr aus dem Leim zu gehen. Und damit dem Geld auf dem Leim zu gehen, schreibt Nastassja, klappt dann ihr Laptop zu, geht raus in die Straßen Wiens, auf ein Haus zu, auf eine Wohnungstür zu, auf einen Jungen zu, dem sie etwas geben wird, das sie gar nicht hat.

Währenddessen schalten die Bühnenarbeiter die Höhensonne über Swetlogorsk aus. Währenddessen läuft der Countdown an, der den Rest unserer Zeit hier herunterzählt. Währenddessen bleibt die Hektik der Sünde noch zu erforschen, und ich vergebe hiermit diesen Auftrag an den Meistbietenden, zum Beispiel das Insititut für Situation Tragedy.

*

Foto: Marion Poschmann

Foto: Marion Poschmann

Kants Garten

globus

Wir sind wieder auf den Spuren Hamanns unterwegs, finden aber erneut nur die Spuren von Kant. Man muß das Antipodische Hamanns wahrscheinlich so verstehen, daß überall dort, wo sich positive Spuren Kants finden, auch negative Spuren Hamanns versteckt halten, wobei wir allerdings auch den Ausdruck „positive Spuren“ als relativ begreifen.

Der zentrale Botanische Garten, früher (seit 1811) einer der schönsten Botanischen Gärten Europas, ist heute noch immer Botanischer Garten, allerdings mit der speziellen Ausrichtung eines Lehrgartens für Schulkinder, die hier Pflanzen pflegen und Kleintiere betreuen, für die ein Klassenzimmer mit Mikroskopen etc. vorhanden ist, die hier ein erstes Bewußtsein für ökologische Zusammenhänge vermittelt bekommen. Man betreibt also durchaus Aufklärung. Es gibt ein Treibhaus, es gibt eine Orangerie, es gibt einen Seerosenteich.

Der Botanische Garten ging aus einem Privatgarten hervor, in dem, so berichtet es uns der freundliche Gartendirektor, auch Immanuel Kant regelmäßig spazierenging. Und zwar hier, hier und hier:

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Während Kant es von der Universität aus nicht weit hatte, lebte und arbeitete der Packhofverwalter Hamann am südwestlichen Pregel. Ob er die Muße hatte, im Garten zu lustwandeln, wissen wir nicht.

kant früher

Kant früher

kant heute

Kant heute

 

BeGeisterung!

Ich muss nochmal auf folgendes Zitat zurück kommen:

“Warum kann der Mensch sein eigen Selbst nicht kennen? Dies muß bloß in dem Zustande unserer Seelen liegen. Die Natur, die uns in lauter Räthseln und Gleichnissen von dem Unsichtbaren unterrichtet, zeigt uns an den Beziehungen, von denen unser Körper abhängt, wie wir uns die Beziehung unseres Geistes auf andere Geister vorstellen können. So wie der Leib den Gesetzen der äusseren Gegenstände unterworfen ist, der Luft, dem Boden, der Würkung anderer Körper: so müssen uns wir unsere Seele gleichfalls vorstellen. Sie ist dem beständigen Einfluß höherer Geister ausgesetzt und mit selbigen verknüpft; dies macht daher unstreitig unser eigen Selbst so zweifelhaft, daß wir selbiges nicht erkennen, unterscheiden, noch selbst bestimmen können.”

gestern, als Marion Poschmann aus ihrem Band Geister Sehen las, zeigte sich, dass es mit den Geistern eine diffizilere Sache ist. man sollte meinen, einem Bartfeld, der in seinen Gedichten immerzu die Vergangenheit beschwört, das Abwesende, sollte eine Dichtung, die auf alte Formen rekurriert und “feinstoffliche” Bewegungen des Geistes nachzeichnet, nicht fremd sein. es ist aber scheinbar doch ein ziemlicher Unterschied, ob man sich auf Vergangenes wie auf Sichtbares (wir beschrieben die Anwesenheit des Abwesenden), Erinnerbares bezieht, oder auf Aktuelles (Nebel, Stille, Autobahn) wie auf Verschwindendes, Vergängliches, “Geisterhaftes”. der eine Ansatz versucht zu rationalisieren, wieder zu beleben, den tausendfach überschrieben Ort zu entziffern, der andere, feinste Bewegungen hinter der Materialiät zu beschwören, die in jedem Moment bedroht sind. Rekonstruktion und die “Berührung zweier Pausen”, wie Parschtschikow einmal schrieb und was mir hier zumindest ansatzweise auch zu passen scheint. Stille, Dauer, Gegenwärtigkeit einer saturnischen Zeit birgt Rätsel, oder möchte sie schaffen, die eben auch das Verstehen in Frage stellen. und hier zeigte sich, dass ein Nichtverstehen manchmal mehr in Bewegung setzt, als ein Verstehen. wo wir Konkretes sahen, griff der aus seiner Bahn geworfene russische Dichter anstelle des Konkreten immer höhere Kategorien. so entsteht Begeisterung! die Fülle des Unverstandenen drängt auf Materialisation! die Geister metamorphisieren zu Göttern. aber bis dahin entfaltet sich wunderbares Nichtverstehen, der Zauber des Ungreifbaren.

Maskeraden (Nachtgedanken)

man wird geworfen in Welt der Autoritäten und des Vorgefundenen, in der man sich behaupten muss. es gibt mehrere Wege, darauf zu reagieren. zwei der stringentesten sind: durch Erfolg, durch Erfolgsverweigerung. der Populäre und der Punk. doch ist die Frage danach, wer der Freiere ist, nicht einfach zu beantworten. es bleibt im Rebell fast immer ein Rest von Ressentiments, auch wenn er seine Zunge nicht zügeln muss, keine Rücksichten kennt. doch achte man auf die fast ehrfurchtsvolle Nervösität bei den ersten Zeichen der Anerkennung, die der Rebell erhält, sie sagt viel über die Unabhängigkeit. deswegen gefiel mir Marion Poschmanns Anmerkung zu Hamanns Begehren und Streben, von Kant (und anderen) anerkannt zu werden, das manchmal Seltsame seiner nicht endenden Kleinscharmützel. letztlich löste er das Problem durch eine Megaautorität, die sich ihm erbarmungsvoll zugewandt hatte.
auch Hamann erliegt natürlich, wie alle, seiner Eitelkeit. aber doch in einer Weise, die sie ausstellt. es geht um ein Offenlegen.

Ihr werdet den Stolz, die Grausamkeit, die Unverschämtheit, die Ungerechtigkeit, den Geiz, die Üppigkeit, die Thorheit Ihrer Philosophie Gesellschaft leisten sehen. Die strengen Lehrer werden (in ihrem Leben gottlos, in ihren Lehren desto strenger und umgekehrt) den Grund gewisser Meinungen in ihren Neigungen, von der Beschaffenheit derer, die alles beweisen und nichts wissen noch thun. (S.217 Bd 4, H-man) 

wenn jemand etwas sagt, meint er vielleicht das Gegenteil. was jemand über andere oft urteilt, trifft meist auf ihn selbst zu etc. die Unabhängigen sind es aus zu großer Abhängigkeit.

Reduktion ist keine Antwort. H-man sucht die Verkleidung, das Theaterstück. er weiß mit Lichtenberg, dass Eitelkeit-Abschaffen ein schwieriges Unterfangen ist: was man hier hieneinquetscht, kommt dort wieder zum Vorschein. Authentizismus ist auch nur ein Bühnenstück der anderen Art.

Offenheit: alles zu sagen oder sagen zu können? oder das, was zu sagen wäre, nicht zu scheuen und das, was nicht gesagt wird, zu hören. oder einfach zu begreifen. zu verstehen, was eigentlich passiert. hinter der Maskerade, aber nicht ohne. das schöne Maskenspiel, der Wunsch nach Freiheit. aber erst muss die Güte hinzukommen, zum Spiel (nicht zur Existenz): die Entwaffnung, die Masken werden genommen.
dann also von Antlitz zu Antlitz. unter uns gesprochen. sagt der freie Mann.

es ist so angenehm, dass einen im fremden Land die Maskeraden relativ wenig angehen. man schreitet, weil man nur auf Abruf da ist, durch die Barrikaden der Konventionen, wie durch zufällig vorgehängte Schleier. dann wieder sieht man die Schminke deutlicher.
morgen werden wir die letzte Dichterlesung besuchen. letzte Aufführung Kaliningrad.

der Bernsteinidiot

ich wollte eigentlich keine Fotos mehr. es hindert mich am hören und denken. denn einmal abfotografiert, hat sich der Gegenstand erledigt. seine Seele ist tot, nunmehr im Foto, dem gestorbenen Augenblick. das leuchtete mir immer schon ein. die Einzigen, die mich da verstanden, waren – die Fotografen. viele von ihnen haben aus Angst vor dem Fotografiertwerden diesen Beruf ergriffen. ich wildere auch ungern in fremden Genres, obwohl mein fotografisches Auge “besser” ist, als mein reales. doch gerade deshalb komme ich mir wie ein Betrüger vor. mein reales ist nämlich keins.

ich sehe nichts, ich finde nicht einmal einen Bernstein. nur mit der Kamera in der Hand fange ich an zu sehen. ich will aber gar nicht sehen, sondern hören.

ich halte vieles für einen Bernstein. ich habe lange schon damit aufgehört, meine Funde triumphierend zu zeigen: große, gigantische Bernsteinklumpen, die ich im Meer reinwusch, bis mich der erste Zweifel überkam. wenn ich den Fund neben die anderen Bernsteine legte, die ich gesammelt hatte, kamen mir nicht Zweifel an dem neuen, sondern an allen. nur alleine können sie überzeugen, in der Menge werden sie alle plumpe Fälschungen. Kieselsteine jeglicher Couleur. Glasscherben. Tonsplitter. gehärtete Kaugummis.
ich poste nun ein letztes Bild. ich sah etwas, woran alle achtlos vorbei gingen, einen durch seltsame Umstände verkohlten Schwan. als sei er eben erst, wie der Dichter sagt, “verschieden in gedämpften Schmerzenslauten”.

verscheidend in gedämpften schmerzenslauten

 

und auch das führt zu Hamann zurück. denn wenn ich nichts sehe, wie kann ich dann überhaupt erkennen.

“Warum kann der Mensch sein eigen Selbst nicht kennen? Dies muß bloß in dem Zustande unserer Seelen liegen. Die Natur, die uns in lauter Räthseln und Gleichnissen von dem Unsichtbaren unterrichtet, zeigt uns an den Beziehungen, von denen unser Körper abhängt, wie wir uns die Beziehung unseres Geistes auf andere Geister vorstellen können. So wie der Leib den Gesetzen der äusseren Gegenstände unterworfen ist, der Luft, dem Boden, der Würkung anderer Körper: so müssen uns wir unsere Seele gleichfalls vorstellen. Sie ist dem beständigen Einfluß höherer Geister ausgesetzt und mit selbigen verknüpft; dies macht daher unstreitig unser eigen Selbst so zweifelhaft, daß wir selbiges nicht erkennen, unterscheiden, noch selbst bestimmen können.”

beginnen wir zu hören

Hamanns Kinder

Kurz nach unserer Abreise nach Swetlogorsk erreichen uns Bilder aus Kaliningrad, die uns stocken lassen und die Frage aufbringen, warum wir die Spuren Hamanns, die doch so offensichtlich sind, übersehen konnten.

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Was ist die Mission dieser Menschen? Treten sie für ein Nichtverstehen der Stadt K. ein? Sind sie also die Einwohner dessen, was ich mit Hamann City benannt habe?
Ist das körperliche Herumstehen in der Öffentlichkeit ihr Mittel? Egal, wie lange man versucht, das alte Königsberg, das alte und das neue Kaliningrad miteinander zur Deckung zu bringen, egal, wie lange man die Differenzen vermißt, es tut sich immer noch etwas anderes, neues auf. Hier stand das Haus, in dem Hoffmann wohnte. Wo, da drüben oder hier? Na irgendwo hier. Das Ungefähre, das Diffuse bestimmt jede Stadt – egal wie geordnet sie sein will, genauso wie es auch die Bedürfnisse ihrer Einwohner bestimmt. Können wir uns also nur noch darauf einigen, daß wir uns auf nichts einigen können, weil wir den anderen niemals verstehen werden?

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Die Einwohner von Hamann City stehen in den Straßen. Die griechische Philosophin Athena Athanasiou schreibt über die Proteste in New York, Griechenland und den Arabischen Ländern: It is the ordinary and rather undramatic piece of standing, rather than a miraculously extraordinary disruption, that actualizes here the living register of the event. Und noch unaufdringlicher, undramatischer und vielleicht umso schöner tun es Hamanns Kinder!

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