Bernsteinregale

Königsberg, eine eingeebnete Stadt. Es schwingt bei der Rede von Kaliningrad immer diese erschreckende Leere mit – kann man die Tatsache, daß hier eine Stadt „dem Erdboden gleichgemacht“ wurde, mit einem neuen Alltag wirklich überdecken? Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, in Häusern zu leben, die praktisch auf dem Nichts neu gebaut wurden. Man sieht im Stadtbild, wie die weiten leeren Plätze mit Symbolen des Sieges gefüllt wurden, mit Denkmälern, die Panzer, Flugzeuge, Kriegsschiffe darstellen, Denkmäler, die in ihrer majestätischen Glätte noch immer etwas Bedrohliches ausstrahlen. Königsberg ist verschwunden. Aber die Sowjetzeit ist auch schon seit zwanzig Jahren vorbei. Keins der legendären Telefone mehr, die irgendwo an den Hauswänden hingen und nie funktionierten, dafür überall Bankautomaten. Nur noch wenige der halbleeren Geschäfte, die auf riesiger Ladenfläche mit einer Überzahl Verkäufer wenige Produkte anbieten, dafür überdimensionierte Supermärkte, die die Kunden mit Klebemarken dazu verlocken, bei jedem Einkauf mehr als 250 Rubel auszugeben, um für 65 Marken (was ca. 400 Euro entspricht) dann „umsonst“ eine Tasse, gefüllt mit einem Stofftier, zu erhalten, und zwar darf man wählen zwischen Zwergschnauzer, Französischer Bulldogge, Bracke, Dackel, sowie den Katzenrassen Perser und Russisch Blau. (Alle, die ich beobachten konnte, haben Russisch Blau genommen.)  Der Bauboom knüpft nicht an die sowjetische Formensprache an. Die typischen Designelemente, die es im Sowjetreich überall, aber sonst nirgendwo gab, finden sich bloß noch in den alten Plattenbausiedlungen, die bislang nicht renoviert wurden – nur das Symbol der aufgehenden Sonne, das naturgemäß unvergänglich ist, sieht man sowohl als Relikt aus einer vergangenen Zeit, aber auch brandneu. Was hat sich noch verändert? Das Bernsteinregal, die monopolisierende Vorschrift aus Zeiten des Deutschen Ritterordens, die nur ausgewählten Personen erlaubte, an den Samlandstränden Bernstein aufzusammeln, wurde erst 1945 vollständig aufgehoben. Man darf die Strände betreten, man darf die gefundenen Bernsteinstücke behalten. Weil das aber nicht viel einbringt, versuchen sich, was wiederum verboten ist, einige Kaliningrader in privaten Grabungen: In etwa 10 Meter Tiefe kann man in dieser Gegend auf ertragreiche Bernsteinvorkommen stoßen.

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