junge Rebellen

gestern die Lesung eines aufstrebenden Rebellen. er zittert, schleudert seine Gedichte heraus, blinzelt mit geschlossenen Augen wie ein Maulfwurf aus der Grube seiner Eitelkeit in die Luft und frisst das Mikrofon. seine Gedichte scheinen düster, ein wenig gewaltsam, aber treffsicher, wenn auch ein wenig banal. allein, dass sich da jemand heraus nimmt, nicht nach dem klassischen Bild des Dichters zu funktionieren (das hier so lebendig ist), verstörte die Gäste und den Moderator. anstatt ihm offen zu begegnen, wollte man mit Gewalt ein Konzept aus ihm herausquetschen, seine private Folie mit derjenigen abgleichen, die im Kopf bereits implantiert war als Norm. er wehrte ab und es wurde ihm leicht gemacht. Fragen nach Heimat, Kinderwunsch oder einfach danach, welche Revolution er denn anzetteln wolle, wich er aus, ambivalent mit Verweigerung und Konfrontation spielend. als dann die klugen Fragen kamen, war er bereits aus dem Spiel und entblößte sich ein wenig als posende Rückseite des Bösen. also nicht der Gute? jenseits – von was?

Bartfeld übersetzte live: noch sanft dichter mit bartfeld

hier wurde es schon wilder: Diskussion Liebe

doch das Thema des Abends war, dies nicht zu vergessen: DISKOMFORTNOST. Als Unbequemheit vielleicht zu übersetzen. noch eher: Ungemütlichkeit, null Komfort.
die lebendige und zum Teil wilde, absurde Diskussion verfolgte dieses Ziel hartnäckig, aber letztlich war der Abend gerade deswegen gelungen (und also nicht ungemütlich). man wünschte sich solche verbalen Saalkeilereien einmal bei deutschen Lesungen. ein Hoch auf alle, die sich so um die Sprache streiten!

am nächsten Tag dann der erste Mai. dort waren vielleicht diejenigen, die die gestern noch die Fragen nach der Heimat gestellt hatten. hören sie selbst den Sprachvergleich.LDPD

nun ja, das war die rechte, “liberale” Partei, nachdem die Kommunisten gegangen waren. Schande über alle, die in Inhalt, Gestus und Intonation die russische Sprache so hinabziehen.

Verstehen

Jörg schrieb anschaulich davon, wie fremde Gewohnheiten und Strukturen das eigene Verstehen neu definieren. ich möchte ein paar scheinbar “typisch” russische, banale, aber doch irritierende Verständnisblocker ergänzen, die auch in Kaliningrad zu finden sind

- in der ganzen Stadt stehen Taxis, die aber kaum jemand zu nutzen scheint, verständlicherweise, denn telefonisch georderte Taxis (ohne Taxizeichen) sind dreimal so günstig. wie lange warten die “regulären” Taxis auf Gäste? Woche? Jahre? und wenn nicht: wer steigt dort ein? die Taxifahrer selbst können es nicht beantworten.

- der gotische Putz der Frauen, die sich für irgendein imaginäres Wesen stylen, denn, zumindest dem Anschein nach, kann es nicht der grobe Blick der russischen Männer sein, der kaum eine der Feinheiten ihrer Zurichtungen wird angemessen würdigen können – oder doch? auch macht man es sich zu leicht, wenn man es auf das Schema herunterschnitzt: hier hübsche  Püppchenfrau, dort geldanschaffender Klotz. denn, biblisch gesprochen, genetisch zu beweisen, sie sind eines Ursprungs. daran schließen etliche Fragen an. zum Beispiel wer hier eigentlich Schönheit definiert anhand welcher Einstellungen und Gewohnheiten

- wenn doch, wie es heißt, die russische Gesellschaft so stark konventionalisiert ist und das Leben auf Arbeit und Kinder hinaus läuft, warum werden dann die Zäune von unten nach oben gestrichen und die Kinder oft hart von oben nach unten gemaßregelt?

irgendwann legen sich diese Fragen, löst sich vieles auf wie auch die fremde Sprache irgendwann etwas Selbstverständliches bekommt. dann scheint alles erklärbar. immer ähnlicher dem was man kennt. als ob es nur um Nuancen ginge. das Unverständliche nistet sich im Gesamtkörper Logos ein und verfleischlicht sich. aber möchte ich das? ist das Unverständnis nicht höher zu schätzen? verliert der detailgenaue Blick nicht das erhabene Gefühl des Horizont-Panoramas aus den Augen: dort ist etwas, was ich nie erreichen werde.

interessant ist auch der Blick, wenn man nun, in die Fremde eingewohnt, das Vertraute neu erfährt: wie kann es sein, dass Deutschland als Land der Technologen und Ingenieure noch immer, was das Internet angeht, auf Krücken läuft, während hier jeder zweite Bus, jedes Kaufhaus und jedes Restaurant und Hotel ganz selbstverständlich mit kostenlosem W-Lan ausgestattet ist? welche Mentalität steckt dahinter? warum drehen die meisten Deutschen, ob arm oder reich, jeden Cent um und zählen und teilen und ordnen zu? und so weiter und so weiter … alte Fragen – viele Antworten, aber wenig befriedigende.

drei Schriftsteller in Kaliningrad, die zu verstehen versuchen!
drei friseure.

die Frage hinter diesen Fragen bleibt ja: wie ist unsere Wahrnehmung strukturiert und welche Sprache sucht sie sich? und ist uns damit geholfen? nun müssten soziologisch-historische Fragen anschließen.
ich belasse es dabei, möchte lieber Alexej Parschtschikow zitieren, aus dem Poem “Geld”:
“Geschichte ist ein Sack, drin Geld in unfassbaren Mengen.
Doch gibt es eine Geschichte dieses Sacks.
Wer macht den Knoten, um ihn an den Wanderstock zu hängen?
Derselbe, der die mächtigen Jahrhunderte dann trägt?
Wo wird sein Träger hingehn? (…)
Und wer war nun für wen Figur einer Intuition?”

der Körper der Sprache

wenn man in die fremden Gefilde einer Sprache eintaucht, die man nicht versteht, ist alles zunächst Magie, schwarze oder weiße. dann beginnt man zu lernen. aus der Umwölkung einer gleichsam benebelnden Ganzheit schälen sich mit den mühsam erlernten neuen Wörtern auch die Schemen einzelner Dinge, auf die die Unverbrauchtheit überzugehen scheint. Es ist, als lernte man die Welt noch einmal neu kennen, als könne man der Geburt des Logos aus den fünf Sinnen, von der Hamann spricht, förmlich zuschauen, von der Warte seiner alten Sprache aus.

und doch wird man nie so mit der fremden Sprache vertraut sein, wie mit der frühesten. der Faszination und Erneuerung ist immer auch eine Verfremdung, Befremdung beigemischt. oft, wenn man dann einige Phrasen kennt, zahlreiche Ausrufe zu dechiffrieren weiß und etliches vielleicht nicht versteht, aber bereits oft gehört hat, kann man sich dennoch nicht ganz hineinfühlen in diese Selbstverständlichkeit, mit der sie gebraucht werden. man beobachtet und erfreut sich an der Sprache, hantiert mit ihr fröhlich, aber bewohnt sie nicht. umso mehr kommen einem die Phrasen, Sätze, Wendungen dann zuweilen mechanisch vor, automatisiert fast und damit auch die Träger der Sprache. wie in einer Umkehrung der hamannschen Idee, dass der Logos aus einem lebendigen Körper hervorgeht*, scheint die wie auswendig gelernte klingende Sprache vielmehr in einen Puppenkörper zurückzukehren. das Individuum wird unter diesem Blick von Außen zu einem Typus, den er nurmehr beispielhaft verkörpert, auch da, wo der Typ selbst noch nicht definiert ist.

 

* “Was für ein Magazin macht die Geschichte der Gelehrsamkeit aus! Und worauf gründet sich alle? Auf 5 Gerstenbrodte, auf 5 Sinne, die wir mit den unvernünftigen Thieren gemeinschaftlich besitzen.” (aus: Brocken)

 

Der Hund und TINA

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Dieses ungebremste Gegeneinandercrashen zweier architektonisch völlig unterschiedlicher Stile, zweier Jahrhunderte, ein nahtloser Übergang, der zugleich ein Bruch ist, und in diesem Bruch sitzt vielleicht das 21. Jahrhundert.
Getz ma ehrlich, schreibt mir Dario auf diese etwas zu lang geratene Bildunterschrift zurück, daß Häuser, die SO aussehen, und andere, die SO aussehen, nebeneinanderstehen, das war schon immer so, seit es Städte gab. Bin gerade in Graz, übrigens, und hier bestreiken die Kreativarbeiter seit zwei Tagen das Lendviertel, für höhere Stundenlöhne der Grafikdesigner, Künstler etcetera. In einer Woche sehen wir mal, was davon noch übrig ist.
Auch nach über einer Woche verstehe ich hier bis auf zweidrei Phrasen nichts, für mich ist das nach wie vor ein sprachlicher Darkroom, schreibe ich Dario.
- Wolltest du nicht so ne Art Fashion Blog da machen?
- War mal einer der Pläne.
- Laß mich raten: Die Leute tragen immer noch die Sowjetklamotten von 1987.
- Ganz selten schon, aber ansonsten sind es vor allem die Wohnhäuser, die noch die alten Klamotten tragen, und ihre Bewohner sind ganz gut angezogen, da kann man nicht meckern.
- Allein die Unterhaltskosten für diese Hochhausklötze! Und erst die Unterhaltungskosten für die Bewohner der Klötze!
- Ich will aber auch versuchen, das Schöne darin zu sehen!
- Du bist viel zu positiv, wenn nicht dort, wo dann kannst du mit dem Kapitalismus mal richtig aufräumen?!

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Nachdenken über das eigene Verständnis von Ökonomie. Daß es seltsam und zu viel erscheint, wenn sieben Leute in einem Café arbeiten, um drei andere zu bedienen. Daß alles, bis zum Bringen der Rechnung und des Rückgeldes, extrem lange dauert. Daß sofort irgendwas im Kopf das Unökonomische daran rügen will und auch noch sofort in Verhältnis setzt zur sowjetischen Vergangenheit. Könnte hinter diesem unökonomischen Verhalten einfach eine andere Philosophie stecken, an die ich gar nicht herankomme? [Nicht nur, weil ich die Sprache nicht mal spreche?] Zum Beispiel der Gedanke, daß es schöner ist, wenn sieben Leute in einem Raum sind, auch wenn nur drei Gäste kommen, als wenn es zwei Leute sind? Sieben Leute stellen immerhin schon eine kleine Gemeinschaft dar, stellen sie dar, performen sie, und das Performative trägt immer die Bürde verschiedener historischer Schichten, an die man nicht unbedingt rankommt. Trotzdem sind natürlich alle mittendrin im neoliberalen Kapitalismus, auch die Universitäten müssen nun effizienter werden. Doch immer wieder das Gefühl, daß sich etwas dazwischenschiebt, daß zwar an vielen Stellen viele wollen, daß es klappt, aber es trotzdem nicht klappt.
Als würde im richtig funktionierenden Kapitalismus, also bei uns, immer alles klappen! Antwortet Dario, jetzt schon aus Frankfurt/Main. Hier, schreibe ich sofort zurück, gibt es auf jeden Fall andere Dinge, die nicht funktionieren, da scheinen mir Gentrifizierung, Touristenansturm auf Börlyn und Gema-Gebühr für Clubs auf einmal wie Superluxusthemen. Aber, schreibt Dario, weder in Hamann City noch in Börlyn wird es in absehbarer Zeit eine Massenbewegung geben, die sich dafür ausspricht, dieses Wirtschaftssystem, in dem alles aus dem Leim geht, umzubauen.
Gestern, antworte ich, habe ich zwei Straßen in der Nähe des Zoos gesucht, und auf dem Weg dorthin kam mir ein Hund entgegen, lief an mir vorbei, und kam dann zurück und folgte mir, und ich wußte nicht, was jetzt tun, der lief mir nach, und ich stellte mir schon vor, wie ich später ins Hotel zurückkommen würde, und der Hund wäre immer noch neben mir, und ich würde ihn mit aufs Zimmer nehmen und fortan mit ihm leben. Und während ich darüber nachdachte, stolperte ich über einen Metallstutzen, konnte mich fangen, und als ich aufgehört hatte, mich über den Stutzen und das Stolpern zu ärgern, war der Hund weg. Gerade als ich mich irgendwie drauf eingelassen hatte, daß der Hund mich ab jetzt begleiten würde. Und irgendwie ist die Geschichte dieser Stadt auch ein bißchen so, die läuft dir hinterher und will irgendwas von dir, und du willst sie verstehen und verstehen und fängst gerade an, und wenn du mal kurz abgelenkt bist und dich danach umguckst, ist sie auch schon wieder weg.
Oder, schreibt Dario, jetzt aus München, du bist der streunende Hund und läufst der Geschichte der Stadt hinterher, und sobald die mal wieder stolpert, bist du schon wieder zurück in den Luxusproblemen, wo irgendjemand irgendwo auf eine Hauswand TINA gesprüht hat.
- Wer ist das, ne neue Band, die ich nicht kenne?
- TINA! There is no alternative!
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Botanischer Garten Maraunenhof

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Dieser Garten war früher die Stadtgärtnerei, jetzt ist er Botanischer Garten mit stadtgärtnerischen Elementen, dergestalt, daß man sich in einem umgrenzten Bezirk Koniferen ausgraben lassen kann, deren Preis nach Zentimetern gestaffelt ist, oder am Eingang kleinere Pflanzen auswählt, die in den unteren Teil zerschnittener Plastikwasserflaschen gepflanzt sind. Die Treibhäuser und das Palmenhaus, vor 100 Jahren wohl eins der modernsten seiner Zeit, werden mühsam mit Plastikfolie und Industrieschaum zusammengehalten. Noch blüht kaum etwas. Unter dem alten Baumbestand treibt Bärlauch in rauhen Mengen. Es ist ein trüber Tag, nur einige ältere Damen sind mit ihren Enkelkindern unterwegs zum Spielplatz. Ein Mann fotografiert die Mandelblüte, die in dem umgebenden Grau umso wunderbarer wirkt. Die Bäume haben Namensschilder um. Eine besonders weiße Birkenvarietät heißt „Goulden Klaud“. Die Parkführerin erklärt einer Besuchergruppe die einzelnen Pflanzen, und ein Liebespaar, elegant gekleidet, im eiligen Tempo der Berufstätigen, versucht sich immer wieder zu einem Schlendern zu bremsen. Er rezitiert für sie romantische Gedichte, die er im Gehen vom Mobiltelefon abliest.

Gezwitscher, Geschüttel

Es ist gleich Mai, aber schon vorher war das so, daß ich ab und zu irritiert schaute, weil die Vögel hier so laut singen, sogar auf dem Parkplatz des Riesensupermarkts. Die Vögel sind High Tech hier: Das Auf- und Zuschließen der Autos  wird von einem kleinen Zwitschern begleitet.
Das Schütteln der Hände macht dagegen nur ein sehr leises Geräusch. Und vor allem nur zwischen Männern. Frauen werden – selbst unter den jungen Leuten hier – von Männern nicht per Händedruck begrüßt, es gibt keine Berührung, nicht mal ein Zunicken oder ähnliches. Das Netz sagt dazu: Russinnen mögen es im Allgemeinen nicht, wenn man Ihnen die Hand zur Begrüßung oder zum Abschied reicht, Händeschütteln ist in Rußland reine Männersache. Diese Stadt, nennen wir sie heute einmal: Handshake City, ist also nur für Männer gemacht. Mit welchen Gesten oder Dingen bauen dann die Frauen ihre Stadt?

margarett

Hamann in Königsberg

Jetzt mal konkret auf die Spuren Hamanns angesetzt. Hamannstraße: auf dem Überlagerungsplan sind die deutschen und die russischen Straßennamen verzeichnet. Hinter den deutschen Namen steht etwa zur Hälfte in alarmierendem Rot: verschwunden. So auch die Hamannstraße. Der Name ist getilgt. Aber da, wo die Straße verlief, nämlich am nördlichen Pregelufer, gibt es durchaus noch einen Weg, der allerdings jetzt ein Trampelpfad ist. Hamannstraße, die zum Weg heruntergestuft ist und nicht mehr nach Hamann heißt.29.4.2013 037

Was hatten sie gegen Hamann? – Er war eben erklärtermaßen kein Atheist. – Kann man deshalb sagen, daß sich die Straßennamen immerhin nach nachvollziehbaren Prinzipien richten? Dann wiederum erstaunt, daß es früher offenbar keine Kantstraße gab, und erst zu Sowjetzeiten die uliza Kanta.