Architekturvarietégeschäft

theater1_klein

Lieber Jörg, ich lese gerade auf deinen Tip hin Gegen den Tag von Pynchon und habe, glaube ich, noch nie so gelacht, bei keinem Buch, vor allem in den Passagen, in denen es um das Showbiz geht. Apropos Showbiz: Wir suchen gerade noch Gastspielmöglichkeiten für unseren neuen Abend: Evaluation als zeitgenössische Magie. Trotz des Titel diesmal eher weniger Diskurs-Performance als Musiktheaterereignis. Von daher dachte ich, das könnte auch super in dieses neue Varietétheater in Swetlogorsk passen. Kannst du dich da vielleicht mal umhören in der lokalen Szene, einen Kontakt klarmachen? Danke und have fun in the sun, Dein Dario Wario Mario, ohne Zauberer

Lieber Dario, ich weiß ja, daß unsere Freundschaft auf den Polen Geben und Nehmen basiert, im Sinne von: Ich gebe – Du nimmst. Aber in diesem Fall kommt dieses eingeschliffene Prinzip nicht zum Tragen, denn: Welches Theater meinst du?
Daraufhin schickt mir Dario diverse Artikel, in denen das erst 2010, dann Mitte 2012 zu eröffnende Theater für Swetlogorsk angekündigt wird, und nach einer kurzen Recherche weiß ich, wo das sein soll, und sehe das:

theater3_klein

theater4_klein

- Shocking!
- Darf ich vorstellen?: das Varietétheater Ekstrady.
- Laß mich raten, nach Erik Estrada, uns allen bekannt als Motorradcop aus der 70er-Fernsehserie Chips?
- Äh, nein.
- Dann nach der architektonischen Bezeichnung Estrade, also: Podest?
- Eher nach den Stars der Estrade, quasi den russischen Schlagerstars, wobei Estrade hier jedes halbwegs musikalische Bühnenprogramm bezeichnen kann, bei dem genügend Menschen, gern auch: Volksfestähnliche Massen, dastehen und sich das Spektakel antun.
- Wenn die russischen Schlagerstars auch nur halbwegs an den Horror der deutschen heranreichen, weiß ich langsam, warum das Theater noch nicht fertig ist, wen soll das denn motivieren?

theater2_klein

Zwei Tage später, nachdem ich online und offline recherchiert habe, unter anderem bei arglosen Bernsteinsuchern am Strand und in Cafés, mit Sonnenbrille und Tageszeitung vor dem Gesicht [falsch herum gehalten, mit Guckloch], kann ich Dario folgendes berichten: Die Probleme, die dazu geführt haben, daß hier weder das große Thomas Mann-Musical Premiere feiern konnte noch die Bernsteinrevue –mit Kostümen, die angeblich zu 100% aus Bernstein bestehen sollten, die armen Tänzer! –, ist wohl ein Wechsel: Zwischendurch scheint die Baufirma gewechselt zu haben, wobei diverse Unterlagen, na, sagen wir: verlorengingen, und die neue Firma kämpft nun damit, während die alte Firma immer noch mit einem alten Baudesaster kämpft, einem Sportpalast namens Bernstein. Bauen als Sport, als Workout, antwortet Dario, aber ich hab schon verstanden, das mit unserer Evaluationsoperette wird wohl in eurem Kurort nix, obwohl ich sagen muß, daß das Thema Evaluation im Zusammenhang mit einem solchen Baudesaster ziemlich gut geeignet wäre, aber die Elbphilharmonie wollte uns auch schon nicht einkaufen. Mal sehen, vielleicht landet Ihr ja doch noch hier, wenn sie es schaffen, die Entwürfe neu zu machen, um die gröbsten Probleme mit Regenwasser, Heizraum und Gaspipeline zu beheben – [das Geld für das Theater stammt übrigens teilweise aus der Gasversorgung] – und das Ding dann fertigzustellen, ich weiß aber nicht, wie groß deine Hoffnung da sein sollte. Mh, ich denke, so in der Größenordnung von dreitausendvierhundert Plätzen. Dream on, Dario, das ist die ALTE Platzzahl, im neuen Entwurf sind es schon nur noch eintausensechshundert. Ist dann wenigstens die Bühne groß? Groß, aber ohne offizielle Baugenehmigung gebaut. Fuck, ich glaube, ich trage in diesem vom Showbiz geschundenen Körper einfach zu viele Illusionen mit mir herum. Da würde ich das empfehlen, was auch eine amerikanische Philosophin empfiehlt. Laß mich raten, Judith Butler? Nein, Jennifer Aniston, die dazu neulich sagte: Detoxen ist einfach die beste Methode, den ganzen Müll aus dem Körper zu bekommen. Und wieviel kostet der Müll? Mindestens einskommaacht Milliarden Rubel. Hoffen wir, daß am Ende das Varietétheater nicht leerbleibt und jugendliche oder vielleicht auch nicht mehr so jugendliche Vandalen nachts dransprühen: Es gibt bewußtlose Menschen, mit denen man mehr Spaß haben kann als mit dir.
Vielleicht aber – denke ich wiederum zwei Tage später, also heute – hat die Leere, die man mit diesem nicht eröffneten Theater nun schon einige Jahre hier in Szene setzt, auch einen anderen Grund. Leer ist der Thron nicht nur deshalb, weil die Herrlichkeit, obwohl sie mit dem Wesen Gottes zusammenfällt, mit diesem nicht eins ist, sondern auch, weil sie zuinnerst Untätigkeit und Sabbatruhe ist. Die Leere ist die souveräne Gestalt der Herrlichkeit. Bene, grazie, Giorgio! Das heißt, wenn ich mich leer fühle, steigert das meine Herrlichkeit? Dario, geh mal in Therapie! Bin ich, aber meine Therapeutin hat sich nach unserer ersten Sitzung aus dem Fenster gestürzt.

reading_herrlichkeit

Logos, Logik, Sprachkritik

Spuren Hamanns finden wir bei jenem Schriftsteller, der uns auf die besondere Gottgegebenheit der russischen Sprache hinweist: nämlich slovo – das Wort, der LOGOS, hat dieselbe Wurzel wie lovitj – fangen, hier bezogen auf Christus, den Menschenfischer, also das göttliche Wort, das die Menschen zu sich heranzieht. Die Reihe lo-lo-lo und überhaupt diesen Zusammenhang gebe es nur im Russischen, was wir schweigend anerkennen müssen. Im Deutschen kennen wir allerdings vergleichbare Verfahren von Arno Schmidts Etym-Theorie, nur daß dort nicht Gott, sondern das Unbewußte zu Wort kommt. Und wiederum ist von einer Galionsfigur der Postmoderne, Hélène Cixous, bekannt, daß sie ihre Romane mittels Wortketten unter der Verwendung des Bestandteils – eve- aufbaut, wie Eva, die Frau Adams, wie rêve, der Traum – also ein Fall von kabbalistischer Prose? Um wieder auf das Russische zu kommen: Von anderen Sprachen unterscheidet es sich auffällig auch durch die vielen Diminutive, in denen sich die russische Seele verniedlicht, vor sich selbst duckt oder alle Dinge mit Liebe überzieht und sich die Welt damit zum Kinde macht. Aktuell gehört:

Pfannküchlein

Zimmerschlüsselchen

EC-Kärtchen

Sändchen.

 

Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [2]

bernstein2_klein

Fortsetzung von [1]

Die Handlung von Indiana Jones and the Amber Room – in frühen Entwürfen wohl auch: Indiana Jones and the Chamber of Amber – startet mit einem Prolog im Kaliningrad der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Nahe des Hauses der Sowjets sucht ein Ausgrabungsteam nach den Kellerräumen des 1968 gesprengten Königsberger Schlosses, um dort die Überreste des legendären Bernsteinzimmers zu finden. Eine alte Frau rät ihnen, die Suche aufzugeben, und fängt an, ihre Geschichte zu erzählen.

Im Jahr 1941 hält Indiana Jones in seiner bürgerlichen Gestalt als Henry Walton Jones Jr. eine Archäologievorlesung. Eine seiner Studentinnen, die aus Rußland stammende Masha, deren Aufsatz über den Katharinenpalast des Zaren Indiana Jones begeistert hat, bittet ihn um eine Sprechstunde. Währenddessen gibt sie sich als Agentin zu erkennen, die Indy anheuern soll, um das Bernsteinzimer zu retten, das gerade samt Palast an die Wehrmacht übergegangen ist. Neben dem ideellen Wert ist das Bernsteinzimmer für die Russen auch deshalb interessant, weil es als Abwehrschild gegen jegliche Art von Waffen fungieren kann. Falsch eingesetzt, wirkt der fossile Harz allerdings tosisch. Indy weigert sich, den Russen zu helfen, doch Masha betäubt ihn kurzerhand.

Erst auf dem Flug nach Europa wacht Indiana Jones auf. Als er realisiert, daß eine seiner wissenschaftlichen Konkurrentinnen ebenfalls auf dem Weg nach Königsberg ist, wo das Bernsteinzimmer ausgestellt werden soll, wird sein Ehrgeiz geweckt und er beschließt, sowohl ihr als auch den Nazis das Handwerk zu legen.

Die nächste Sequenz zeigt die sechsunddreißigstündige Demontage des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast durch die Wehrmacht und durch die Experten Rittmeister Graf Solms-Laubach und Hauptman Dr. Georg Poensgen, die das Zimmer, in achtundzwanzig Kisten verpackt, nach Königsberg bringen sollen. Daß neunundzwanzig Kisten dorthin gehen, bleibt von ihnen unbemerkt.

In den folgenden fünfundvierzig Minuten des Films kämpft sich Indiana Jones – an seiner Seite die schöne Masha – von der schwedischen Küste aus über Danzig nach Königsberg, wo er seltsamerweise erst im Jahr 1944 ankommt. Das Bernsteinzimmer wird inzwischen – um von seinem Wert als Waffenschutzschild abzulenken – im Königsberger Schloß ausgestellt, in das Indy und Masha schließlich unbemerkt eindringen können. Von einem verrückten Nazi-Museumswächter-Zwillingspärchen aufgespürt, landen sie im Keller des Schlosses, wo Indys Konkurrentin Mary-Ann Queensburg schon wartet, die sich ja drei Jahre zuvor in Kiste No. 29 ins Schloß schmuggeln wollte, aber dabei entdeckt wurde.

Fortsetzung folgt!

live *** (siehe unten)

topoljam po dorogam – pappeln am wegesrand
totschno pesnja serebritsja – als ob ein lied versilbert
w prochladnom polumrake – im kalten halbdunkel
tschisy evo stojat, wremja tschepschit – seine uhren stehen, die zeit flüstert
i vse she beret toska – und trotzdem packt einen die schwermut
totschno podozreniem – ganz genau als ob ein verdacht
ljubil tebja ne tajas – ich liebte dich ohne wegzuducken (anm: und ich verstand ohne zu schmelzen)
a mart ushe zagorajas – und märz schon im zenit (frei übersetzt)

(nicht repräsentativ! instant-translation)

der Dichter im Originalton