Aufräumen

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Liebe Virginia, ich hab schon darüber geschrieben, aber ohne es eigentlich fassen zu können, was das war: die Trennlinie, wo ein Hochhausblock sowjetischer Prägung gegen ein niegelnagelneues Apartmentgebäude stößt. Beide wollen monumental sein, aber die eine Monumentalität löscht die andere aus. Welche welche? Beide einander. Und obwohl ich dachte, ich müßte hier als derjenige, der von außen kommt, alles besser sehen, was sich als die naivste aller naiven Annahmen entpuppt hat, kam ich nicht weiter, bis wir – wo sonst? – bei Immanuel Kant saßen [sorry, Hamann!].
Ich weiß nicht, sagte Sergej, Studierender an der Immanuel-Kant-Universität, der uns in einer Dolmetscher-Übung übersetzen sollte, ich weiß nicht, ich weiß nicht, das paßt nicht zusammen, dort der Dom und daneben ein modernes Apartmentgebäude und daneben die Plattenbautenblocks. Das ist, wie wenn ich mein Haus aufräume, und die eine Hälfte ist komplett sauber und die andere komplett dreckig. Aber die Menschen hier sind so: Wenn einer auf dem Dorf in seinem Haus ein Fenster einwirft, hast du nach einer Woche in allen Häusern ein eingeworfenes Fenster. Wenn einer sein Haus renoviert, renoviert auch ein anderer. Von daher geben die neuen Gebäude, auch wenn sie nicht passen, vielleicht wenigstens den Anstoß, daß die Menschen ihre alten Kästen auch wieder verschönern.
Ist das, liebe Virginia, nun die Hoffnung darauf, daß das glamouröse Beispiel die anderen dazu antreibt, sich endlich selbst zu optimieren? Oder ist es, viel basaler, einfach nur die Hoffnung auf etwas mehr Ordnung, nicht im Sinne von Sicherheitsbestimmungen, von Biopolitik undsoweiter, sondern auf das einfache Ordnen des Raumes, in dem man lebt, also: AUFRÄUMEN! Vergleiche, was Hamann schreibt:

So hoffe ich daß selbst die Unordnung und lüsterne Ausbreitung meiner Absichten durch Gottes Willen ihm nützlich und brauchbar werden können … oder wenigstens daß dieser Schutthaufen durch ihn bald aus dem Wege geräumt werden kann, […] so kostet es Gott wenig ein neu und besser Gebäude, in dem er sich verklären will, an die Stelle des eingefallnen und zerstörten zu setzen.

[Gedanken über meinen Lebenslauf]

Also geht es ums Haushalten, darum, tatsächlich nicht nur die eine Haushälfte in Ordnung zu halten? Und wie ist das, wenn es um eine Stadt geht? Was mich hier seit unserer Ankunft beschäftigt, nein, schon davor, ist die Frage: Wird Kaliningrad über zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion auch schon so aussehen wie die meisten Städte, in denen ich mich so herumtreibe? Manchmal denke ich, daß ich als Zwanzigjähriger auf die Karte der Städte sah, in denen ich war – zum Beispiel Wien, zum Beispiel Berlin, zum Beispiel das Ruhrgebiet als Riesenstadt – und dabei immer nur den realen, tatsächlichen Plan dieser Stadt sah, nur ein paar Straße, nur einen winzigen Teil eines urbanen Gefüges, das sich längst angeschickt hatte, viel größer zu werden. Denn nach 1990 haben alle größeren Städte Westeuropas versucht, einzigartig zu werden, und jetzt gerade habe ich das Gefühl, daß sie das nur wurden, um sich zusammenzuschließen, zu einer Metropole, die authentisch, hip, kreativ ist. Also eigentlich eine einzige globalisierte Stadt – [wenn Globalisierung wieder nur die der Waren und Images meint, die die erste Welt so will] –, die sich tatsächlich vor allem in den zehn Jahren, die zurückliegen, vergrößert hat und auf einmal viele Sprachen spricht, Bahnhöfe, Flughäfen, Schnellstraßen dazugewonnen hat, und dennoch in allen Vierteln, wenn man den Ton abschaltet, irgendwie gleich aussieht. Eine globale kreative Stadt, in der wir unsere Leben für die Kreisläufe der Wertschöpftung zur Verfügung stellen, um selbst als authentisch, hip, kreativ einzugehen, in das Lexikon, an dem wir alle mitschreiben. Das Lexikon der Trauer.
Daß Kaliningrad noch nicht zu dieser Megastadt gehört, ist allerdings kein Grund, traurig zu sein. Wie mir ein weiterer Student namens Aristoteles auf dem Gang der Uni ins Ohr flüsterte: Eine Stadt ist ihrem Wesen nach eine Vielheit, und wenn sie in stärkerem Maße eins wird, ist sieh eher ein Haushalt [oika] als eine Stadt. Wieder also sind wir beim Haushalten. Dem, liebe Virginia, muß ich hier noch weiter nachgehen. Bei Hamann ist das Haushalten die Regierung Gottes, bei uns die Regierung des Kapitalismus, der stolz auf sich zeigt und sagt: Ich bin Haushälterin, und das professionell, denn jedes Mal, wenn ich mich trenne, behalte ich das Haus. Aber gibt es in den Worten Sergejs vom halb aufgeräumten Haus nicht noch einen Rest, irgendwas, was für ein anderes Verständnis von oikonomia/Ökonomie fruchtbar werden könnte? Ich bin mal am Strand, nach Bernsteinen wühlen, in den Algen, und vielleicht auch ein bißchen in den Begierden und Geschichten, die sich in dem verstecken, wie mein Körper sich in den Städten verhält, in denen er sich gern aufhält, am Schnittpunkt von Bedürfnissen, die aus der Vergangenheit kommen und in die Zukunft weisen. Oder auch mal andesrum. Machs gut. Wir sprechen. Dein J

ausbesserungsanstalt

Maskeraden (Nachtgedanken)

man wird geworfen in Welt der Autoritäten und des Vorgefundenen, in der man sich behaupten muss. es gibt mehrere Wege, darauf zu reagieren. zwei der stringentesten sind: durch Erfolg, durch Erfolgsverweigerung. der Populäre und der Punk. doch ist die Frage danach, wer der Freiere ist, nicht einfach zu beantworten. es bleibt im Rebell fast immer ein Rest von Ressentiments, auch wenn er seine Zunge nicht zügeln muss, keine Rücksichten kennt. doch achte man auf die fast ehrfurchtsvolle Nervösität bei den ersten Zeichen der Anerkennung, die der Rebell erhält, sie sagt viel über die Unabhängigkeit. deswegen gefiel mir Marion Poschmanns Anmerkung zu Hamanns Begehren und Streben, von Kant (und anderen) anerkannt zu werden, das manchmal Seltsame seiner nicht endenden Kleinscharmützel. letztlich löste er das Problem durch eine Megaautorität, die sich ihm erbarmungsvoll zugewandt hatte.
auch Hamann erliegt natürlich, wie alle, seiner Eitelkeit. aber doch in einer Weise, die sie ausstellt. es geht um ein Offenlegen.

Ihr werdet den Stolz, die Grausamkeit, die Unverschämtheit, die Ungerechtigkeit, den Geiz, die Üppigkeit, die Thorheit Ihrer Philosophie Gesellschaft leisten sehen. Die strengen Lehrer werden (in ihrem Leben gottlos, in ihren Lehren desto strenger und umgekehrt) den Grund gewisser Meinungen in ihren Neigungen, von der Beschaffenheit derer, die alles beweisen und nichts wissen noch thun. (S.217 Bd 4, H-man) 

wenn jemand etwas sagt, meint er vielleicht das Gegenteil. was jemand über andere oft urteilt, trifft meist auf ihn selbst zu etc. die Unabhängigen sind es aus zu großer Abhängigkeit.

Reduktion ist keine Antwort. H-man sucht die Verkleidung, das Theaterstück. er weiß mit Lichtenberg, dass Eitelkeit-Abschaffen ein schwieriges Unterfangen ist: was man hier hieneinquetscht, kommt dort wieder zum Vorschein. Authentizismus ist auch nur ein Bühnenstück der anderen Art.

Offenheit: alles zu sagen oder sagen zu können? oder das, was zu sagen wäre, nicht zu scheuen und das, was nicht gesagt wird, zu hören. oder einfach zu begreifen. zu verstehen, was eigentlich passiert. hinter der Maskerade, aber nicht ohne. das schöne Maskenspiel, der Wunsch nach Freiheit. aber erst muss die Güte hinzukommen, zum Spiel (nicht zur Existenz): die Entwaffnung, die Masken werden genommen.
dann also von Antlitz zu Antlitz. unter uns gesprochen. sagt der freie Mann.

es ist so angenehm, dass einen im fremden Land die Maskeraden relativ wenig angehen. man schreitet, weil man nur auf Abruf da ist, durch die Barrikaden der Konventionen, wie durch zufällig vorgehängte Schleier. dann wieder sieht man die Schminke deutlicher.
morgen werden wir die letzte Dichterlesung besuchen. letzte Aufführung Kaliningrad.

Diebe und Poeten

Wenn eine einzige Wahrheit gleich der Sonne herrscht; das ist Tag. Seht  ihr an statt dieser einzigen so viel, als Sand am Ufer des Meeres; – hiernächst ein klein Licht das jenes ganze Sonnenheer an Glanz übertrifft; das ist eine Nacht, in die sich Poeten und Diebe verlieben. – - Der Poet am Anfang der Tage ist derselbe mit dem Dieb am Ende der Tage (H-man)

erst jüngst, vor drei Tagen, machten wir die Bekanntschaft mit solch einem Dieb am Ende der Tage, der sein Poetentum zum Neuanfang seiner Tage gemacht hatte. als wir uns auf den Weg nach Swetlogorsk machten, wartete er bereits im Bus, knapp über 80, kahl, schlank, mit einem uns entgegenpurzelnden Schalk. kaum war die Tür geschlossen, begann eine dieser Erzählungen, die schwer wieder zu geben ist, da das Leben die besseren (und unwahrscheinlicheren) Geschichten schreibt. während wir dem Ziel entgegenrumpelten, hielt er uns auf Trab mit einer Ausstrahlung und Energie, die man oft vergeblich unter Zwanzigjährigen sucht. immer wieder kicherte er voll Freude, dann wieder flog die Hand im bauschigen Bogen, während er die Stationen seines Lebens durchging. als kleiner Junge auf dem Weg ins Konzentrationslager von einem rothaarigen Deutschen gerettet, aus dem Schlamm zurückgeworfen in den mit Menschen vollgequetschten Waggon, von dem er gerutscht war. Geschichten aus jener epochalen abgrundtief schwarzen Nacht, in der er sich noch, auf der Plattform, an einem Paar roter Schuhe festsehen konnte, sie begehrte, als Kind, wie ein Licht, das alle in Unordnung und Perversion geratenen “Wahrheiten” ringsum überstrahlt. wie er dies Paar roter Schuhe später im Lager an einem anderen Kind sieht und haben möchte. “lass die Schuhe” hält ihn die Mutter zurück, “er ist bereits tot”. über die Blicke der sterbenden Kinder, mild und stumm (“sie waren immer ganz still”) (meine Unmöglichkeit, dies zu übersetzen in dem Moment – während ich an Majakowkijs berühmte, umstrittene Zeilen denken muss “ich liebe es zu sehen, wie Kinder sterben”). nahtloser Übergang zu seiner Gefangenschaft  in der Sowjetunion (wegen Diebstahls und irgendwelcher Händel, im Gefängnis zettelt er dann eine Rebellion an – “zweimal im Lager, mich kriegt man nicht unter, ich bin eine Kugel, die den Lauf verlassen hat und zielgerichtet fliegt”). wie er Einzelhaft will und bekommt, weil er droht, jedem, der ihm in seiner Zelle im Weg steht, umzubringen. “ich bin von Natur aus ein Dieb” sagt er, was seiner Frau, neben ihm, ein “was erzählst du!” entfahren lässt. seine stibitzende Freude, seine fröhlich überrumpelnde und energische Art lässt dies mehr als glaubhaft erscheinen. nach einem Jahr wird er als psychisch Kranker in eine Klinik entlassen. “psychisch krank” hieß, dass er urplötzlich behauptete, er sei zum Schriftsteller berufen und berühmt. als er den Komissionsraum betritt, der über seine Gesundheit befinden soll, setzt er sich auf den noch freien Stuhl des Vorsitzenden der Komission und erklärt die Sitzung des Schriftstellerverbandes mit ihm als Vorsitzenden für eröffnet und begrüßt die anwesenden Kollegen. danach gab es keine Fragen mehr.

wenig später kommt er dann ganz frei, tatsächlich als Schriftsteller. nachdem er die Rolle des Schriftstellers erfolgreich monatelang gespielt hatte, war ihm zu Bewusstsein gekommen, dass er tatsächlich schreiben sollte. was wir seinen drehbuchreifen Geschichten (in denen vielleicht der Einfluss von Literatur und Film eine nicht ganz zu vernachlässigende Rolle spielt?) leichthin entnehmen können – - – aber wie verhält es sich nun mit Poet und Dieb? es mag sein, dass ohne diese Lebensenergie, die sich aus diesem kleinen Licht speist, das in die Nacht der Gleichgültigkeit und beliebigen Wahrheitsvariationen geworfen wird, keine Poesie und kein Begehren (die Triebfeder des Diebstahls) möglich ist. vielleicht aber mit einem kleinen Unterschied: in den glücklichsten Momenten wird das Wort selbst dies Licht.

5 Sinne

durch die alles ginge, sagte Hamann (siehe frühere Beiträge). hier aber werden wir von einem 7-D-Kino umworben. transzendental? Geschüttelt-werden, selber Schießen, Seifenblasen + ? + 3D? ach, sind wir dafür zu alt? dafür in der edlen Konditorei, wo die bedienende Fräulein so herrlich zurecht gemacht sind mit geflochten Zöpfen und großen Kuchenstücken, rustikalen Baguettes und schwarz sich darbietenden Manifestationen der… ja? dort darf wiederum nicht fotografiert werden. auch nicht die Auslagen. ist das nicht Werbung? dürfen wir das zuhaus nicht backen? wieviel D ist das?
z.B. Versailles: 5-etagig, marzipangedeckt, mit Mascarpone und handgeformt, “Luisa”, “Amelie” oder “Jacqueline”, allesamt Hochzeitstorten in verschiedenen Spiralformen. oder “Religeuse”; “Paris-Brest”, Mille-feuille: karamelisiert, leichte Buttercreme, Madagascar-Vanille. Success-Praline mit Mandeln, Creme und belgischer Milchschokolade, Moelleux: gebackene Schokolade mit flüssigem core und Vanillesauce “Elle”

ja, seufzet es schwer, angesichts der Formen und Farben, der hellen Blusen und Kränze, wieviel Tage sind gegeben dem Menschen?
so gebe ich der Verlockung nicht nach, wieder ein Bild statt des Textes zu geben. der Dichter, gib mir ein Bild! ach, der Wind weht, wo er will!

Der Zephyr ältert bereits, ihm wachsen schwerere Flügel,
Weil er um volle Gestäud und Busen seltner sich wälzet –
So würd es, Brüder! uns gehn, wenn nicht bey ehrlichem Muth
Die Wollust unsern Geist erhielt. (H-man)

Seltsame Leerstellen

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Auf diesem Hügel stand einmal die Bessel-Sternwarte.

 

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In einem anderen Haus, aber an dieser Stelle, lebte zwanzig Jahre lang Immanuel Kant.

 

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Bevor der Neubau den Blick auf den Dom versperrte, stand auf diesem Parkplatz das Haus der Großeltern von E.T.A. Hoffmann, in das dieser als Zweijähriger mit seiner Mutter einzog – nachdem er seine ersten beiden Lebensjahre hier verbracht hatte:eta 2

 

Und ungefähr hier…

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…oder hier wohnte Heinrich von Kleist.

Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [1]

Dieser geplante, aber nie realisierte und später geheimgehaltene Film wäre der dritte in der bekannten Indiana Jones-Reihe von George Lucas und Steven Spielberg gewesen. An dessen Stelle rückte dann der ursprünglich als vierter Part geplante und 1989 veröffentlichte: Indiana Jones und der letzte Kreuzzug [Indiana Jones and the Last Crusade].

Die genauen Gründe das Scheitern der Produktion liegen im Dunkeln. Einige Quellen stellen die geopolitischen Hintergründe der Jahre 1987 bis 1989 in den Vordergrund: Als früheres Königsberg habe gerade Kaliningrad auch in diesen Jahren als nicht ungefährliches Pflaster für internationale Filmproduktionen gegolten, zumal die Stadt nicht nur von Militärpräsenz gekennzeichnet war, sondern auch als Musterstadt der UdSSR herhalten sollte, was sich allerdings spätestens in den frühen Achtzigern bereits als grenzenlos optimistisch herausgestellt hatte. Bei den unvorhersehbaren Ereignissen wollten George Lucas und Steven Spielberg weder riskieren, das Filmteam und das Budget in Gefahr zu bringen – immerhin spielt das Drehbuch im vor-russischen Königsberg –, noch wollte man in irgendeiner Weise unfreiwillige Werbung machen für das untergehende Sowjetimperium. Andere Quellen hingegen behaupten, die Vorbereitung des ebenfalls von George Lucas’ Firma hergestellten Computerspiels Indiana Jones and the Last Crusade sei so weit fortgeschritten gewesen, daß man lieber alles auf eine Marketingkarte gesetzt und auch den dazugehörigen Film herausgebracht habe. Eine einzelne weitere Stimme hält gegen diese beiden Theorien, all das sei Blödsinn, und der wahre Grund für die Entscheidung gegen diesen Teil sei Harrison Fords Engagement in der mittelprächtigen Komödie Working Girl [deutscher Titel: Die Waffen der Fauen] mit Sigourney Weaver und Melanie Griffith gewesen, das vom Drehplan möglichen Aufnahmen in Kaliningrad im Weg gestanden habe. Daß ausgerechnet eine unter dem Deckmantel des Sozialmärchens daherkommende Romantic Comedy, die noch dazu naiv und affirmativ den Financial District von New York, die Welt von Corporate America, als Setting wählt, dürfte angesichts des komplexen Drehbuchs des geplanten Indiana Jones-Projekt ein weiteres Tüpfelchen der Ironie sein.

Fortsetzung folgt!

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der Bernsteinidiot

ich wollte eigentlich keine Fotos mehr. es hindert mich am hören und denken. denn einmal abfotografiert, hat sich der Gegenstand erledigt. seine Seele ist tot, nunmehr im Foto, dem gestorbenen Augenblick. das leuchtete mir immer schon ein. die Einzigen, die mich da verstanden, waren – die Fotografen. viele von ihnen haben aus Angst vor dem Fotografiertwerden diesen Beruf ergriffen. ich wildere auch ungern in fremden Genres, obwohl mein fotografisches Auge “besser” ist, als mein reales. doch gerade deshalb komme ich mir wie ein Betrüger vor. mein reales ist nämlich keins.

ich sehe nichts, ich finde nicht einmal einen Bernstein. nur mit der Kamera in der Hand fange ich an zu sehen. ich will aber gar nicht sehen, sondern hören.

ich halte vieles für einen Bernstein. ich habe lange schon damit aufgehört, meine Funde triumphierend zu zeigen: große, gigantische Bernsteinklumpen, die ich im Meer reinwusch, bis mich der erste Zweifel überkam. wenn ich den Fund neben die anderen Bernsteine legte, die ich gesammelt hatte, kamen mir nicht Zweifel an dem neuen, sondern an allen. nur alleine können sie überzeugen, in der Menge werden sie alle plumpe Fälschungen. Kieselsteine jeglicher Couleur. Glasscherben. Tonsplitter. gehärtete Kaugummis.
ich poste nun ein letztes Bild. ich sah etwas, woran alle achtlos vorbei gingen, einen durch seltsame Umstände verkohlten Schwan. als sei er eben erst, wie der Dichter sagt, “verschieden in gedämpften Schmerzenslauten”.

verscheidend in gedämpften schmerzenslauten

 

und auch das führt zu Hamann zurück. denn wenn ich nichts sehe, wie kann ich dann überhaupt erkennen.

“Warum kann der Mensch sein eigen Selbst nicht kennen? Dies muß bloß in dem Zustande unserer Seelen liegen. Die Natur, die uns in lauter Räthseln und Gleichnissen von dem Unsichtbaren unterrichtet, zeigt uns an den Beziehungen, von denen unser Körper abhängt, wie wir uns die Beziehung unseres Geistes auf andere Geister vorstellen können. So wie der Leib den Gesetzen der äusseren Gegenstände unterworfen ist, der Luft, dem Boden, der Würkung anderer Körper: so müssen uns wir unsere Seele gleichfalls vorstellen. Sie ist dem beständigen Einfluß höherer Geister ausgesetzt und mit selbigen verknüpft; dies macht daher unstreitig unser eigen Selbst so zweifelhaft, daß wir selbiges nicht erkennen, unterscheiden, noch selbst bestimmen können.”

beginnen wir zu hören