
ARCHIV FÜR DEN TAG 21. Mai 2013
kleine Postkarte an die Stadt K.

verehrte Kunstrichter! urtheilt nicht zu hart über uns!
ja, ich weiß, folgende Themen blieben unerledigt:
- Sprache-Maschinen-Automatik (“rasende Körper”)
- Oktober 44 Generalangriff Gauleiter Koch
- Tilsit incl. Johannes Bobrowski, von einem kleinen Litauer gewarnt
- Hannah Arendt und die Ehrung in einer der nächsten Jahre
- die Totentänze im Krematorium
- Trofimow und die noch warmen Betten
- das Kreuz im Dom, das Kindern Zuflucht bot, bis es genau dieses traf
- die Synagoge und Franziska Skarina
- Sumbur! Sumbur!
- die Gesichtszüge entgleisten – leis// die Bandmuskulaturlokomotiven –
schliefen// die Beinsäule, peripatetisch, stand – in altem Gewand// des
Armknochens Gazellengelenk – ein graziöses Geschenk
- die Dichter hören keine Dichter
- 1542 und die Gründung der Königsberger Universität durch Albrecht
- wir begegnen der fundamentalen Verschrecktheit in der Existenz entweder durch Rückzug oder durch brachiale Beherrschung
- dagegen das entspannende Meer, einnehmende Unendlichkeit (Foto!), schließlich sogar gütige Nahrungsaufnahme
- bevor wir in die zermalmenden Rädchen unserer eigenen Historie
zurückgeworfen werden, rufen wir also ein glückliches До свидания и
спасибо! der Stadt K. zu
X.
Vergoldete Energie
Jetzt ist es schon so weit, das zu sagen: Wiedersehen, до свидания, Goodbye!
Ich wäre so gern noch eine Menge mehr gewesen. Wie ist es überhaupt
möglich, daß man mich für eine stolze, historisch aufgeladene Stadt hat
halten können, wo es mir niemals möglich gewesen, mich was ich bin und
seyn kann, zu entdecken? Ja, wir stehen mit andern Dingen in Verbindung,
und eine Materie, über die wir verbunden sind, ist die Sprache, die uns
immer schon destabilisiert und loslöst von dem Ort, der uns sicher war.
Auf gewisse Weise gehen wir, wenn wir auf andere treffen, wenn wir mit
ihnen zusammen sind, schon über uns hinaus, die anderen aber auch, so
daß wir uns gegenseitig enteignen, auch wenn wir denken: So weit kann
ich doch gar nicht reichen. Jetzt reicht es aber doch! Bitte nicht
weinen. Macht er doch gar nicht mehr. Nie mehr. Tatsächlich hatte er
beschlossen, Tränen als unproduktiven Luxus aufzugeben. [Thomas Pynchon]

Bernsteinregale
Königsberg, eine eingeebnete Stadt. Es schwingt bei der Rede von Kaliningrad immer diese erschreckende Leere mit – kann man die Tatsache, daß hier eine Stadt „dem Erdboden gleichgemacht“ wurde, mit einem neuen Alltag wirklich überdecken? Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, in Häusern zu leben, die praktisch auf dem Nichts neu gebaut wurden. Man sieht im Stadtbild, wie die weiten leeren Plätze mit Symbolen des Sieges gefüllt wurden, mit Denkmälern, die Panzer, Flugzeuge, Kriegsschiffe darstellen, Denkmäler, die in ihrer majestätischen Glätte noch immer etwas Bedrohliches ausstrahlen. Königsberg ist verschwunden. Aber die Sowjetzeit ist auch schon seit zwanzig Jahren vorbei. Keins der legendären Telefone mehr, die irgendwo an den Hauswänden hingen und nie funktionierten, dafür überall Bankautomaten. Nur noch wenige der halbleeren Geschäfte, die auf riesiger Ladenfläche mit einer Überzahl Verkäufer wenige Produkte anbieten, dafür überdimensionierte Supermärkte, die die Kunden mit Klebemarken dazu verlocken, bei jedem Einkauf mehr als 250 Rubel auszugeben, um für 65 Marken (was ca. 400 Euro entspricht) dann „umsonst“ eine Tasse, gefüllt mit einem Stofftier, zu erhalten, und zwar darf man wählen zwischen Zwergschnauzer, Französischer Bulldogge, Bracke, Dackel, sowie den Katzenrassen Perser und Russisch Blau. (Alle, die ich beobachten konnte, haben Russisch Blau genommen.) Der Bauboom knüpft nicht an die sowjetische Formensprache an. Die typischen Designelemente, die es im Sowjetreich überall, aber sonst nirgendwo gab, finden sich bloß noch in den alten Plattenbausiedlungen, die bislang nicht renoviert wurden – nur das Symbol der aufgehenden Sonne, das naturgemäß unvergänglich ist, sieht man sowohl als Relikt aus einer vergangenen Zeit, aber auch brandneu. Was hat sich noch verändert? Das Bernsteinregal, die monopolisierende Vorschrift aus Zeiten des Deutschen Ritterordens, die nur ausgewählten Personen erlaubte, an den Samlandstränden Bernstein aufzusammeln, wurde erst 1945 vollständig aufgehoben. Man darf die Strände betreten, man darf die gefundenen Bernsteinstücke behalten. Weil das aber nicht viel einbringt, versuchen sich, was wiederum verboten ist, einige Kaliningrader in privaten Grabungen: In etwa 10 Meter Tiefe kann man in dieser Gegend auf ertragreiche Bernsteinvorkommen stoßen.







Gruß aus Kenig
Nachzutragen bleibt ein Aufsatz von Wladimir Gilmanov, Professor für Fremdsprachige Philologie an der Baltischen Immanuel Kant-Universität in Kaliningrad/Königsberg, zum Schicksal seiner Stadt und zu Hamann. pdf >>>