Vergoldete Energie

Jetzt ist es schon so weit, das zu sagen: Wiedersehen, до свидания, Goodbye!
Ich wäre so gern noch eine Menge mehr gewesen. Wie ist es überhaupt möglich, daß man mich für eine stolze, historisch aufgeladene Stadt hat halten können, wo es mir niemals möglich gewesen, mich was ich bin und seyn kann, zu entdecken? Ja, wir stehen mit andern Dingen in Verbindung, und eine Materie, über die wir verbunden sind, ist die Sprache, die uns immer schon destabilisiert und loslöst von dem Ort, der uns sicher war. Auf gewisse Weise gehen wir, wenn wir auf andere treffen, wenn wir mit ihnen zusammen sind, schon über uns hinaus, die anderen aber auch, so daß wir uns gegenseitig enteignen, auch wenn wir denken: So weit kann ich doch gar nicht reichen. Jetzt reicht es aber doch! Bitte nicht weinen. Macht er doch gar nicht mehr. Nie mehr. Tatsächlich hatte er beschlossen, Tränen als unproduktiven Luxus aufzugeben. [Thomas Pynchon]

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Bernsteinregale

Königsberg, eine eingeebnete Stadt. Es schwingt bei der Rede von Kaliningrad immer diese erschreckende Leere mit – kann man die Tatsache, daß hier eine Stadt „dem Erdboden gleichgemacht“ wurde, mit einem neuen Alltag wirklich überdecken? Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, in Häusern zu leben, die praktisch auf dem Nichts neu gebaut wurden. Man sieht im Stadtbild, wie die weiten leeren Plätze mit Symbolen des Sieges gefüllt wurden, mit Denkmälern, die Panzer, Flugzeuge, Kriegsschiffe darstellen, Denkmäler, die in ihrer majestätischen Glätte noch immer etwas Bedrohliches ausstrahlen. Königsberg ist verschwunden. Aber die Sowjetzeit ist auch schon seit zwanzig Jahren vorbei. Keins der legendären Telefone mehr, die irgendwo an den Hauswänden hingen und nie funktionierten, dafür überall Bankautomaten. Nur noch wenige der halbleeren Geschäfte, die auf riesiger Ladenfläche mit einer Überzahl Verkäufer wenige Produkte anbieten, dafür überdimensionierte Supermärkte, die die Kunden mit Klebemarken dazu verlocken, bei jedem Einkauf mehr als 250 Rubel auszugeben, um für 65 Marken (was ca. 400 Euro entspricht) dann „umsonst“ eine Tasse, gefüllt mit einem Stofftier, zu erhalten, und zwar darf man wählen zwischen Zwergschnauzer, Französischer Bulldogge, Bracke, Dackel, sowie den Katzenrassen Perser und Russisch Blau. (Alle, die ich beobachten konnte, haben Russisch Blau genommen.)  Der Bauboom knüpft nicht an die sowjetische Formensprache an. Die typischen Designelemente, die es im Sowjetreich überall, aber sonst nirgendwo gab, finden sich bloß noch in den alten Plattenbausiedlungen, die bislang nicht renoviert wurden – nur das Symbol der aufgehenden Sonne, das naturgemäß unvergänglich ist, sieht man sowohl als Relikt aus einer vergangenen Zeit, aber auch brandneu. Was hat sich noch verändert? Das Bernsteinregal, die monopolisierende Vorschrift aus Zeiten des Deutschen Ritterordens, die nur ausgewählten Personen erlaubte, an den Samlandstränden Bernstein aufzusammeln, wurde erst 1945 vollständig aufgehoben. Man darf die Strände betreten, man darf die gefundenen Bernsteinstücke behalten. Weil das aber nicht viel einbringt, versuchen sich, was wiederum verboten ist, einige Kaliningrader in privaten Grabungen: In etwa 10 Meter Tiefe kann man in dieser Gegend auf ertragreiche Bernsteinvorkommen stoßen.

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Ränder

Erst allmählich, wird uns erzählt, begreifen die Leute hier, was eigentlich Eigentum ist. Etwas, für das man konstant Verantwortung übernimmt, etwas, das morgen auch noch da ist, wenn man es pflegt, zum Beispiel Vorgärten. Früher, heißt es, gab es überhaupt keine Pflanzen, um sich mit dem Vorgarten Mühe zu geben oder womöglich den Grünstreifen vor dem Plattenbau gärtnerisch zu gestalten. Aber jetzt, heißt es, gibt es Pflanzen, jetzt, heißt es, entwickelt sich ein spezielles vorgärtnerisches Bewußtsein, und tatsächlich, neben den öffentlichen Grünanlagen, die vorzugsweise (und vor allem überall dort, wo man es mit „Sieg-“ zu tun hat) mit roten und manchmal mit gelben Tulpen bepflanzt sind (ich sah einen psychedelischen Kreisverkehr in Knallrot und Knallgelb, aus dem man niemals wieder herausfindet), entstehen jetzt, im Mai, auffällig geharkte und exakt bepflanzte Vorgärten, oft rührend mit einem in Kniehöhe gespannten Bindfaden umzäunt. Es gibt jetzt massive Zäune, es gibt symbolische Zäune, und es gibt auffällig gekälkte Ränder.

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Architekturvarietégeschäft

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Lieber Jörg, ich lese gerade auf deinen Tip hin Gegen den Tag von Pynchon und habe, glaube ich, noch nie so gelacht, bei keinem Buch, vor allem in den Passagen, in denen es um das Showbiz geht. Apropos Showbiz: Wir suchen gerade noch Gastspielmöglichkeiten für unseren neuen Abend: Evaluation als zeitgenössische Magie. Trotz des Titel diesmal eher weniger Diskurs-Performance als Musiktheaterereignis. Von daher dachte ich, das könnte auch super in dieses neue Varietétheater in Swetlogorsk passen. Kannst du dich da vielleicht mal umhören in der lokalen Szene, einen Kontakt klarmachen? Danke und have fun in the sun, Dein Dario Wario Mario, ohne Zauberer

Lieber Dario, ich weiß ja, daß unsere Freundschaft auf den Polen Geben und Nehmen basiert, im Sinne von: Ich gebe – Du nimmst. Aber in diesem Fall kommt dieses eingeschliffene Prinzip nicht zum Tragen, denn: Welches Theater meinst du?
Daraufhin schickt mir Dario diverse Artikel, in denen das erst 2010, dann Mitte 2012 zu eröffnende Theater für Swetlogorsk angekündigt wird, und nach einer kurzen Recherche weiß ich, wo das sein soll, und sehe das:

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- Shocking!
- Darf ich vorstellen?: das Varietétheater Ekstrady.
- Laß mich raten, nach Erik Estrada, uns allen bekannt als Motorradcop aus der 70er-Fernsehserie Chips?
- Äh, nein.
- Dann nach der architektonischen Bezeichnung Estrade, also: Podest?
- Eher nach den Stars der Estrade, quasi den russischen Schlagerstars, wobei Estrade hier jedes halbwegs musikalische Bühnenprogramm bezeichnen kann, bei dem genügend Menschen, gern auch: Volksfestähnliche Massen, dastehen und sich das Spektakel antun.
- Wenn die russischen Schlagerstars auch nur halbwegs an den Horror der deutschen heranreichen, weiß ich langsam, warum das Theater noch nicht fertig ist, wen soll das denn motivieren?

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Zwei Tage später, nachdem ich online und offline recherchiert habe, unter anderem bei arglosen Bernsteinsuchern am Strand und in Cafés, mit Sonnenbrille und Tageszeitung vor dem Gesicht [falsch herum gehalten, mit Guckloch], kann ich Dario folgendes berichten: Die Probleme, die dazu geführt haben, daß hier weder das große Thomas Mann-Musical Premiere feiern konnte noch die Bernsteinrevue –mit Kostümen, die angeblich zu 100% aus Bernstein bestehen sollten, die armen Tänzer! –, ist wohl ein Wechsel: Zwischendurch scheint die Baufirma gewechselt zu haben, wobei diverse Unterlagen, na, sagen wir: verlorengingen, und die neue Firma kämpft nun damit, während die alte Firma immer noch mit einem alten Baudesaster kämpft, einem Sportpalast namens Bernstein. Bauen als Sport, als Workout, antwortet Dario, aber ich hab schon verstanden, das mit unserer Evaluationsoperette wird wohl in eurem Kurort nix, obwohl ich sagen muß, daß das Thema Evaluation im Zusammenhang mit einem solchen Baudesaster ziemlich gut geeignet wäre, aber die Elbphilharmonie wollte uns auch schon nicht einkaufen. Mal sehen, vielleicht landet Ihr ja doch noch hier, wenn sie es schaffen, die Entwürfe neu zu machen, um die gröbsten Probleme mit Regenwasser, Heizraum und Gaspipeline zu beheben – [das Geld für das Theater stammt übrigens teilweise aus der Gasversorgung] – und das Ding dann fertigzustellen, ich weiß aber nicht, wie groß deine Hoffnung da sein sollte. Mh, ich denke, so in der Größenordnung von dreitausendvierhundert Plätzen. Dream on, Dario, das ist die ALTE Platzzahl, im neuen Entwurf sind es schon nur noch eintausensechshundert. Ist dann wenigstens die Bühne groß? Groß, aber ohne offizielle Baugenehmigung gebaut. Fuck, ich glaube, ich trage in diesem vom Showbiz geschundenen Körper einfach zu viele Illusionen mit mir herum. Da würde ich das empfehlen, was auch eine amerikanische Philosophin empfiehlt. Laß mich raten, Judith Butler? Nein, Jennifer Aniston, die dazu neulich sagte: Detoxen ist einfach die beste Methode, den ganzen Müll aus dem Körper zu bekommen. Und wieviel kostet der Müll? Mindestens einskommaacht Milliarden Rubel. Hoffen wir, daß am Ende das Varietétheater nicht leerbleibt und jugendliche oder vielleicht auch nicht mehr so jugendliche Vandalen nachts dransprühen: Es gibt bewußtlose Menschen, mit denen man mehr Spaß haben kann als mit dir.
Vielleicht aber – denke ich wiederum zwei Tage später, also heute – hat die Leere, die man mit diesem nicht eröffneten Theater nun schon einige Jahre hier in Szene setzt, auch einen anderen Grund. Leer ist der Thron nicht nur deshalb, weil die Herrlichkeit, obwohl sie mit dem Wesen Gottes zusammenfällt, mit diesem nicht eins ist, sondern auch, weil sie zuinnerst Untätigkeit und Sabbatruhe ist. Die Leere ist die souveräne Gestalt der Herrlichkeit. Bene, grazie, Giorgio! Das heißt, wenn ich mich leer fühle, steigert das meine Herrlichkeit? Dario, geh mal in Therapie! Bin ich, aber meine Therapeutin hat sich nach unserer ersten Sitzung aus dem Fenster gestürzt.

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Logos, Logik, Sprachkritik

Spuren Hamanns finden wir bei jenem Schriftsteller, der uns auf die besondere Gottgegebenheit der russischen Sprache hinweist: nämlich slovo – das Wort, der LOGOS, hat dieselbe Wurzel wie lovitj – fangen, hier bezogen auf Christus, den Menschenfischer, also das göttliche Wort, das die Menschen zu sich heranzieht. Die Reihe lo-lo-lo und überhaupt diesen Zusammenhang gebe es nur im Russischen, was wir schweigend anerkennen müssen. Im Deutschen kennen wir allerdings vergleichbare Verfahren von Arno Schmidts Etym-Theorie, nur daß dort nicht Gott, sondern das Unbewußte zu Wort kommt. Und wiederum ist von einer Galionsfigur der Postmoderne, Hélène Cixous, bekannt, daß sie ihre Romane mittels Wortketten unter der Verwendung des Bestandteils – eve- aufbaut, wie Eva, die Frau Adams, wie rêve, der Traum – also ein Fall von kabbalistischer Prose? Um wieder auf das Russische zu kommen: Von anderen Sprachen unterscheidet es sich auffällig auch durch die vielen Diminutive, in denen sich die russische Seele verniedlicht, vor sich selbst duckt oder alle Dinge mit Liebe überzieht und sich die Welt damit zum Kinde macht. Aktuell gehört:

Pfannküchlein

Zimmerschlüsselchen

EC-Kärtchen

Sändchen.