Beim Messias dauert immer alles viel länger als bei mir

Endlich habe ich einen Begriff für das gefunden, was in meinem Leben falschläuft, oder was anders laufen müßte, und jetzt, wo ich es weiß, schreibe ich an meine Wiener Freundin Nastassja, deren Katholizismus ich für nicht ausgeprägt, aber wenigstens vorhanden halte: Da ich nun den Begriff gefunden haben, müßte ich eigentlich religiös werden, um mich zu befreien und ein messianisches Leben zu führen. Und welcher Philosoph hat dich nun auf den richtigen Begriff gestoßen?, fragt Nastassja zurück, wohl doch kaum Hamann, oder?, auch wenn du ihn ja offenbar fleißig liest, zumindest vor der Kamera. [Siehe: mein Mail-Attachment an Nastassja!]* In einer Art Fußnote fügt sie noch Namen von Philosophen ein, deren Schreiben sich nicht unbedingt immer explizit auf Religiöses bezieht, aber letztlich darauf basiert, und die alle eine Version des Messianischen entwerfen: Walter Benjamin, Martin Buber, Jaques Derrida. Nein, keiner von denen, schreibe ich, hat mir geholfen.

Ich lebe in der Hektik der Sünde, sagt Wladimir Gilmanov entschuldigend zu uns, während wir gemütlich zu einem Strandspaziergang aufbrechen, der – das wissen wir, seine vier Begleiter noch nicht, er aber wahrscheinlich schon – zwar entspannt verlaufen wird, wie es entspannter kaum sein könnte, bei 28°, Sonne, Wind, der meine Haut nicht merken läßt, daß es ihr eigentlich schon wieder zu viel UV-Licht ist, doch am Ende werden wir bemerken, daß Autoschlüssel und Mobiltelefon unseres Freundes, des Philosophen, irgendwo verloren gegangen sind, was uns nicht nur die Chance gibt, der Sünde der Hektik beizuwohnen, die Gilmanov uns eigentlich vermitteln wollte, sondern auch noch Teil von ihr zu werden. Schließlich tauchen die Gegenstände wieder auf, aus den Taschen einer ehrlichen Finderin, die, wie wir später über ein von ihr geschossenes Foto, auf dieses Foto angewendete Gesichtserkennung und geschickte Googletechniken herausfinden werden, in den Siebzigern bis Achtzigern des 20. Jahrhunderts KGB-Spionin war. Allerdings nicht in Realität und auch nicht in reality, sondern in der konventionellen Fiktion: In Dutzenden Agentenfilmen jener Zeit spielte sie mit, von denen wiederum 95% in einer Villa gedreht wurden, die wir zu Beginn unseres Strandspaziergangs besichtigen: Erbaut von einem Architekten namens Göring, bewohnt von einem Arzt, später genutzt als Teil des Militärsanatoriums von Swetlogorsk, für die hohen Offiziere. Hier spielte die Frau, der wir den Fund zu verdanken haben, als sehr junge Dame ihre Rollen. In einem Interview, das sie einer russischen Filmzeitschrift in den Neunzigern gab [die Übersetzung kann hier nur stichwortartig erfolgen], spricht sie über die Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten: Die knapp gestrickten Zeitpläne zwangen immer wieder zu großer Hektik, zugleich mußten aber eine gewisse Ruhe und Entspanntheit produziert werden, die von den Agentenfiguren, trotz Härte und Pokerface, erwartet wurde. Deshalb also, sagt Hendrik, hat sich die Frau erst nach vierzig Minuten am vereinbarten Treffpunkt eingefunden, um die Gegenstände zu übergeben, obwohl sie nur fünf Minuten entfernt gewesen war. Sie kam dann auch angeschlendert, als gehörte sie gar nicht in diese Szene, als ginge sie der Fund der Gegenstände gar nichts an. Wieder einmal erwies das Spielen, erwies die inszenierte Form des Daseins einen Vorteil: Nichts und niemand kann mir diese Ruhe und Entspanntheit, die ich vor der Kamera lernte, nehmen, sagt die Schauspielerin dann auch – im Interview.

Und wo bin ICH? Hier sitze ich und will eigentlich an was ganz anderem schreiben, MUSS aber unbedingt diese Gedanken loswerden. Das Bloggen hat meine sowieso schon hektische Arbeitsweise noch einmal gesteigert, und wieder wächst meine Angst, in ein paar Jahren von einem Arzt durchgecheckt zu werden, der bei mir, Kinski-like, diverse Narben von Herzanfällen feststellt, von denen ich nichts gemerkt hab. Die Sünde der Hektik, jaja. Aber mich interessiert doch eher der, durch einen kleinen Verdreher, entstandene Begriff: Hektik der Sünde. Und die ist noch viel stärker als ihr Umkehrpendant: Immer, wenn ich sündige, auch alles ganz schnell machen: schnell essen, schnell rauchen, schnell trinken, schnell küssen, schnell schnell schnell mal Sex, und dann is gut. Das Sündigen ist keines, weil es etwas moralisch Verbotenes darstellt, nicht weil es ein Tabu wäre, das zu tun, sondern weil damit der vollgestopfte Alltag unterbrochen wird, der nur meiner großen Liebe namens Arbeit gehört, nur sie darf alles bestimmen.

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder das Gefühl gehabt, daß zumindest die Sünde der Hektik hier vielleicht keine so große Rolle spielt, daß es – obwohl die Menschen viel mehr arbeiten müssen als bei uns: mehrere Jobs auf einmal, zu allen möglichen Zeiten und an allen möglichen Tagen – eine Gelassenheit gibt. Ist die vielleicht aus den Dreharbeiten für die Spionagefilme in die Spionagefilme und von den Spionagefilmen in die Bevölkerung übergegangen, die diese Spionagefilme sah? Muß ich jetzt alle die in der Villa Göring gedrehten Filme sehen, um mir diese Gelassenheit anzueignen? Ist das überhaupt machbar, oder hat sich das Hektische schon viel zu sehr in mich eingeschrieben? Ist das Problem, daß ich immer wieder versuche, dieses Leben zu leben? Es hilft leider nicht, ich kann nicht weiter, ohne jetzt wieder Agamben zu zitieren: Im Messias leben bedeutet nichts anderes, als in jedem Augenblick und in jeder Hinsicht das Leben, das wir leben, zu widerrufen und unwirksam zu machen, […] heißt, daß das Leben mit keiner vorherbestimmten Form mehr übereinstimmen kann. Und der Dichtung schreibt er zu, diese Art, zu leben, möglich zu machen, da hier die Sprache sich zurücklehnen und sich selbst betrachten kann, in einer Untätigkeit, die er mit der göttlichen Herrlichkeit verbindet. Und wie könnte man FÜR ein Leben leben? Jetzt komme ich nicht mehr mit, schreibt mir Nastassja, ich bin da eher bei einer anderen Vorstellung des Messianischen, nämlich aus der Performance Art und Theory kommend: Wir performen Dinge und wissen, daß sie nie ganz gelingen werden, daß immer ein Rest bleibt, der uns davon abhält, ganz mit dem eins zu werden, was wir spielen. Und das wäre doch ein messianischer Moment: Irgendetwas kommt immer noch, ist nie da. Zum Beispiel: Demokratie als etwas, das noch kommen wird, das wie niemals verwirklichen können, aber die Bedürfnisse, die uns veranlassen, uns in das politische Geschehen einzumischen, sind dennoch stark, nicht weil wir denken, wir können alles erreichen, sondern weil wir wissen, es ist eigentlich unmöglich, aber wir müssen es TROTZDEM. So wie ich in der Liebe immer gerade die will, die ich sowieso nie erreichen kann, schreibe ich. Aber das wäre doch genau die Unmöglichkeit, das Leben zu leben, und auf der anderen Seite eben die Möglichkeit, FÜR es zu leben, und dadurch allem an uns immer wieder zu sagen: Du bist nicht zuende, du kannst noch ganz andere Wege finden, hier zu sein, und jetzt: MACH! Geh rein und halte dich auf in der Sünde, anstatt gleich wieder rauszulaufen, um im Auftrag des Geldes noch mehr aus dem Leim zu gehen. Und damit dem Geld auf dem Leim zu gehen, schreibt Nastassja, klappt dann ihr Laptop zu, geht raus in die Straßen Wiens, auf ein Haus zu, auf eine Wohnungstür zu, auf einen Jungen zu, dem sie etwas geben wird, das sie gar nicht hat.

Währenddessen schalten die Bühnenarbeiter die Höhensonne über Swetlogorsk aus. Währenddessen läuft der Countdown an, der den Rest unserer Zeit hier herunterzählt. Währenddessen bleibt die Hektik der Sünde noch zu erforschen, und ich vergebe hiermit diesen Auftrag an den Meistbietenden, zum Beispiel das Insititut für Situation Tragedy.

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Foto: Marion Poschmann

Foto: Marion Poschmann

Kants Garten

globus

Wir sind wieder auf den Spuren Hamanns unterwegs, finden aber erneut nur die Spuren von Kant. Man muß das Antipodische Hamanns wahrscheinlich so verstehen, daß überall dort, wo sich positive Spuren Kants finden, auch negative Spuren Hamanns versteckt halten, wobei wir allerdings auch den Ausdruck „positive Spuren“ als relativ begreifen.

Der zentrale Botanische Garten, früher (seit 1811) einer der schönsten Botanischen Gärten Europas, ist heute noch immer Botanischer Garten, allerdings mit der speziellen Ausrichtung eines Lehrgartens für Schulkinder, die hier Pflanzen pflegen und Kleintiere betreuen, für die ein Klassenzimmer mit Mikroskopen etc. vorhanden ist, die hier ein erstes Bewußtsein für ökologische Zusammenhänge vermittelt bekommen. Man betreibt also durchaus Aufklärung. Es gibt ein Treibhaus, es gibt eine Orangerie, es gibt einen Seerosenteich.

Der Botanische Garten ging aus einem Privatgarten hervor, in dem, so berichtet es uns der freundliche Gartendirektor, auch Immanuel Kant regelmäßig spazierenging. Und zwar hier, hier und hier:

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Während Kant es von der Universität aus nicht weit hatte, lebte und arbeitete der Packhofverwalter Hamann am südwestlichen Pregel. Ob er die Muße hatte, im Garten zu lustwandeln, wissen wir nicht.

kant früher

Kant früher

kant heute

Kant heute

 

der Hüter des Seyns

es gibt eine Geschichte des Meers und eine Geschichte der Region.
es gibt eine Geschichte des Bernsteinzimmers. es gibt vermutlich keine Drehbuch-story von Indiana Jones, aber es gibt eine Kette namens Kruasson (alter Name: “Croissant”) und es gibt das Seyn. und eine Geschichte des Seyns. und eine Geschichte des Geldes. und eine Geschichte der Geschichte.

Geschichte ist ein Sack, darin Geld, riesige Haufen.
Doch gibt es auch eine Geschichte des Sacks.
Wer macht den Knoten? Wer bindet eine Schlaufe
und hängt die mächtigen Jahrhunderte an einen Stock? (Parschtschikow)

Geld, Geschichte, Verfilmungen – und am Ende der Bernsteinkette das Kruasson und ein Dichter im Bilderrausch. auch Hamann berauschte sich an Bildern (& Vergleichen). unakademische Preisfrage: treffen sich zwei Dichter in der Kette? kann denn das Seyn sündig sein? weiblich? formbar? lassen sich die russischen Männer zu sehr formen (Gilmanow über Oblomow)? wer bindet eine Schlaufe? 
ЮбилейУниве400
Bildunterschrift: in der Mitte der Hut des Seyns

noch 1944 feierte die Albertina ihre Helden. unter ihnen Hamann. marschiert Hoffmann in vierter Reihe? werden Sie jetzt zum Hüter des Seyns, diese Stelle ist lange Zeit schon vakant. selbst die Dichterinnen schreiben statt über Liebe (“wenn nicht mehr..”) über Formen und Figuren (“hallo? Zauberwort?” ” hä was?”).
leichter war es nie. wenn ihr Fragen habt, nur zu. ich lausche ihm und euch. hört selbst.
der simple sound des Seyns

gez. der Hüter des Seyns aus dem Novaliszimmer im Hoffmannhaus

Indiana Jones und das Zimmer aus Bernstein [3]

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Fortsetzung von [1] und [2]

Während die Briten ihre Luftangriffe auf Königsberg starten und Indy und Masha im Schloß gegen eine Horde Nazis kämpfen, kann Queensburg zeitgleich das Bernsteinzimmer abbauen, da sie sich alle Schritte bei der Demontage durch die Deutschen im Katharinenpalast fotografisch genau merkte. Trotz des wieder in achtundzwanzig Kisten verstauten Schatzes drohen Indy und Co. nun allerdings, mit dem Schloß zusammen auszubrennen. Die Nazis erwarten von außen den Tod der Drei, doch da taucht mit seinem Luftschiff Mashas Cousin Dimitrij auf, der Indy, die Frauen und das Bernsteinzimmer retten kann. Allerdings bleiben von achtundzwanzig Kisten zwei im Schloß.

Die beiden Amerikaner und die beiden Russen beschließen, das Zimmer zu je gleichen Teilen mitzunehmen und ihren Regierungen als Waffenschutz zu verkaufen, damit letztlich beide Mächte die selbe Chance haben, den Krieg zu gewinnen. Doch da stürzt das Luftschiff, von deutschen Kanonen getroffen, über der Ostsee ab, und Indy und Mary-Ann Queensburg können sich gerade noch an einem Fallschirm nach Schweden retten, von wo aus sie wieder in die USA kommen. Was mit den russischen Agenten geschieht, ist ungewiß. Die sechsundzwanzig Bernsteinzimmerkisten landen im Meer und versorgen bis zum heutigen Tage die Händler in diversen Ostseeorten mit Material für den Verkauf von Ketten, Broschen, Ringen, Bilderrahmen, Eulen, Adlern und Miniaturschlössern aus Bernstein.

Zurück in den 1980ern: Hier beendet Masha, die alte Frau, ihre Geschichte für das Ausgrabungsteam, dessen Mitglieder daraufhin alle Werkzeuge liegenlassen und sich lieber der Vorbereitung der nach der Wende zu erwartenden Aktienspekulation widmen. Masha und Dimitrij beginnen daraufhin, den Boden umzugraben, so daß der Zuschauer nicht weiß, ob sie die zurückgebliebenen Kisten zu finden hoffen oder ein paar Särge inclusive Leichen mit Juwelen und Goldzähnen, eine Grabschändung, wie sie von den Sechzigern an in Kaliningrad nicht unüblich war. In den letzten Sekunden des Films finden die beiden eine Kiste, und als Dimitrij sie öffnet, kippen beide um. Inwiefern das mit der Giftwirkung des Bernsteins zu tun hat oder einfach eine kleine Spitze der antikommunistischen Drehbuchschreiber ist, ist ungewiß. Auch dieses Ende sowie der generell klischéehafte Umgang mit den russischen Charakteren und Traditionen im Script scheinen Gründe für die Entscheidung gewesen zu sein, diesen Teil der Indiana Jones-Serie lieber nicht zu drehen.

Neben Harrison Ford als Indiana Jones sollten u.a. besetzt werden: Jamie Lee Curtis als Indys wissenschaftliche Gegenspielerin Mary-Ann Queensburg, für deren Rolle auch Jodie Foster angefragt wurde, außerdem: Richard Gere als Alan Ehrenwert, Doppelspion mit deutschen Wurzeln, und Sylvester Stallone als Überrusse Dimitrij Masterskij, aber auch deutsche Schauspieler, nämlich Udo Kier als Graf Solms-Laubach und Götz George als Dr. Georg Poensgen. Allein wegen dieser Besetzung hätte ich dieses Spektakel nur zu gern gesehen. Und das Stadtmarketing von Kaliningrad könnte sich heute damit rühmen und eine Tour zu den Originaldrehorten anbieten, auch wenn ein Großteil des Films in US-amerikanischen Studios gedreht worden wäre. Ich wäre auf solch eine Tour angesprungen und auf jede Behauptung des Tourguides reingefallen. Schadeschadeschadeschadeschade.

Ränder

Erst allmählich, wird uns erzählt, begreifen die Leute hier, was eigentlich Eigentum ist. Etwas, für das man konstant Verantwortung übernimmt, etwas, das morgen auch noch da ist, wenn man es pflegt, zum Beispiel Vorgärten. Früher, heißt es, gab es überhaupt keine Pflanzen, um sich mit dem Vorgarten Mühe zu geben oder womöglich den Grünstreifen vor dem Plattenbau gärtnerisch zu gestalten. Aber jetzt, heißt es, gibt es Pflanzen, jetzt, heißt es, entwickelt sich ein spezielles vorgärtnerisches Bewußtsein, und tatsächlich, neben den öffentlichen Grünanlagen, die vorzugsweise (und vor allem überall dort, wo man es mit „Sieg-“ zu tun hat) mit roten und manchmal mit gelben Tulpen bepflanzt sind (ich sah einen psychedelischen Kreisverkehr in Knallrot und Knallgelb, aus dem man niemals wieder herausfindet), entstehen jetzt, im Mai, auffällig geharkte und exakt bepflanzte Vorgärten, oft rührend mit einem in Kniehöhe gespannten Bindfaden umzäunt. Es gibt jetzt massive Zäune, es gibt symbolische Zäune, und es gibt auffällig gekälkte Ränder.

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BeGeisterung!

Ich muss nochmal auf folgendes Zitat zurück kommen:

“Warum kann der Mensch sein eigen Selbst nicht kennen? Dies muß bloß in dem Zustande unserer Seelen liegen. Die Natur, die uns in lauter Räthseln und Gleichnissen von dem Unsichtbaren unterrichtet, zeigt uns an den Beziehungen, von denen unser Körper abhängt, wie wir uns die Beziehung unseres Geistes auf andere Geister vorstellen können. So wie der Leib den Gesetzen der äusseren Gegenstände unterworfen ist, der Luft, dem Boden, der Würkung anderer Körper: so müssen uns wir unsere Seele gleichfalls vorstellen. Sie ist dem beständigen Einfluß höherer Geister ausgesetzt und mit selbigen verknüpft; dies macht daher unstreitig unser eigen Selbst so zweifelhaft, daß wir selbiges nicht erkennen, unterscheiden, noch selbst bestimmen können.”

gestern, als Marion Poschmann aus ihrem Band Geister Sehen las, zeigte sich, dass es mit den Geistern eine diffizilere Sache ist. man sollte meinen, einem Bartfeld, der in seinen Gedichten immerzu die Vergangenheit beschwört, das Abwesende, sollte eine Dichtung, die auf alte Formen rekurriert und “feinstoffliche” Bewegungen des Geistes nachzeichnet, nicht fremd sein. es ist aber scheinbar doch ein ziemlicher Unterschied, ob man sich auf Vergangenes wie auf Sichtbares (wir beschrieben die Anwesenheit des Abwesenden), Erinnerbares bezieht, oder auf Aktuelles (Nebel, Stille, Autobahn) wie auf Verschwindendes, Vergängliches, “Geisterhaftes”. der eine Ansatz versucht zu rationalisieren, wieder zu beleben, den tausendfach überschrieben Ort zu entziffern, der andere, feinste Bewegungen hinter der Materialiät zu beschwören, die in jedem Moment bedroht sind. Rekonstruktion und die “Berührung zweier Pausen”, wie Parschtschikow einmal schrieb und was mir hier zumindest ansatzweise auch zu passen scheint. Stille, Dauer, Gegenwärtigkeit einer saturnischen Zeit birgt Rätsel, oder möchte sie schaffen, die eben auch das Verstehen in Frage stellen. und hier zeigte sich, dass ein Nichtverstehen manchmal mehr in Bewegung setzt, als ein Verstehen. wo wir Konkretes sahen, griff der aus seiner Bahn geworfene russische Dichter anstelle des Konkreten immer höhere Kategorien. so entsteht Begeisterung! die Fülle des Unverstandenen drängt auf Materialisation! die Geister metamorphisieren zu Göttern. aber bis dahin entfaltet sich wunderbares Nichtverstehen, der Zauber des Ungreifbaren.