Das Unverständliche 2

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„Dies ist demnach der letzte Knoten meines Schicksals, das auf mich wartet. Ich werde der Welt und meines eigenen Leibes entbehren müssen, ohne Abbruch desjenigen Theils meiner selbst, der mit beyden so genau verbunden ist, daß ich über diese Trennung als über ein Wunder erstaune? Das Schauspiel der Erde wird aufhören mir Eindrücke zu geben, die Werkzeuge der Empfindung und Bewegung, ungeachtet man ihrer so gewohnt wird, daß man sie fast für unentbehrlich zu halten anfängt, werden ihrer Dienste entsetzet werden!“

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„Tod! König der Schrecknisse! gegen den uns kein Seher der Natur, wenn er gleich ein Büffon ist, weder durch Beobachtungen noch durch Spitzfindigkeiten stark machen kann; gegen dessen Bitterkeit man mit dem König der Amalekiter die Zerstreuungen der Wollust und eine marktschreyerische Miene umsonst zu Hülfe ruft: – durch welches Geheimniß verwandelt dich der Christ in einen Lehrer der Weisheit, in einen Boten des Friedens?“

Hamann, Denkmal

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es singt sich so leicht

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es spielt sich so leicht

Und es dünkte mich, als ich dort vorüberging, dass zumindest auf diesen Menschen folgendes Wort Hamanns aus den “Brocken” unmöglich zutreffen könne*:

Der Mensch genüst unendlich mehr als er nöthig hat — und verwüstet unendlich mehr als er genüst.

 

*beim Näherkommen erkannte ich allerdings die veteranenorden auf seiner brust. das erinnerte mich zumindest daran, dass es einmal hat anders sein mögen

 

Das Rauschen der Berge, die heller nicht sein könnten, selbst in der Nacht

Stadt mit hundertzwanzig Denkmälern. So müßte der Ort in meinem Profil im Social Web lauten, wenn ich Teil des Social Web wäre. Bist du aber nicht, sagt Virginia, und deshalb nehme ich das jetzt mal als Bezeichnung für meine Stadt, leicht abgewandelt, also statt Berlin dann: Die Stadt mit den hundertzwanzigtausend Denkmälern, aber wieso, wieso hat Swetlogorsk gleich hundertzwanzig bei gerade mal zehntausend Einwohnern? Und gehören dazu neben den üblichen Verdächtigen aus ostpreußischer Zeit auch schon die neueren Wunder wie das Fish Spa?

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Als ich dort saß, sage ich, um in fünfzehn Minuten für dreihundert Rubel die Hornhaut und alles mögliche andere von meinen Füßen runterknabbern zu lassen, auch Krankheiten, von denen ich nichts wußte, erzählte mir die Fisch Spa-Besitzerin endlich mal nicht, wie alle anderen, daß Swetlogorsk so viel heißt wie: heller Berg, sondern auch noch mehr. Am Anfang war das hier die prussische Siedlung Rusemoter, Moter = sumpfiges Tal, wahlweise auch Loch oder Höhle. Bizarr, sagt Virginia, wieviele Siedlungs- und später Städtenamen auf Sumpf referieren, fast jede zweite Stadt irgendwie. Die Ordensritter jedenfalls nannten die Siedlung um in Rauschen. Wow, warum? Darüber konnte ich weder bei der Fischzüchterin noch im digitalen Aktenschrank irgendwas finden, aber wenn ich so mein Ohr aus dem Fenster halte, das dank bionischer Technik ja bis zu fünf Kilometer weit hören kann, denke ich, es ist so simpel, wie man vermuten könnte: Rauschen eben wegen des Rauschens. Später unterschied man dann Rauschen-Ort, heute: Swetlogorsk I, und Swetlogorsk II, früher: Rausche-Düne. Ist denn da nicht alles eine einzige Düne?

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Der ganze Ort, sage ich, liegt so hoch über dem Strand, daß man einige Treppen zum Abstieg braucht. Und die Seilbahn?, fragt Virginia. Welche?, frage ich zurück, meinst du
- die von 1910, als Rauschen gerade Kurort geworden war, und die nicht mehr existiert
- die aus der Sowjetzeit, die zwar noch existiert, aber nicht fährt
- oder den Fahrstuhlturm aus Wellblech, der in der Mitte des Strandes aufragt und heute ebenfalls stillgelegt ist?

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Was für ein Monstrum!, ruft Virginia, als sie die Fotos geöffnet hat, ich hoffe, du verbringst den Rest deiner Zeit nicht mehr mit Bloggen oder Hamann Lesen, sondern drehst den Streifen, der sich hier, an der wahrscheinlich nicht ganz ungiftigen Ostsee, anbietet: Godzilla gegen den Fahrstuhlturm von Rauschen. Das Skypemikrophon verzerrt Virginias Stimme an dieser Stelle roboterhaft, danach sagt sie vielleicht auch noch was, doch ich höre auch hier nur Rauschen, dann Stille, in die hinein ich sage: Wenn du die Angst um die Folgen von Umweltzerstörung thematisieren willst, mußt du nicht mit Godzilla kommen, da reichen die Häuser, die hier, auf dem sandigen Untergrund, öfter absinken oder abrutschen, so daß sie angehoben oder umgesetzt werden müssen. Also Godzilla gegen die Riesendüne. Können wir die geschichtliche Dimension dieses Ortes denn ohne Godzilla nicht denken?, frage ich. Der könnte doch dann mit seinen Laserstrahlen auch gleich die Arbeit fortsetzen, die die Fische an deinen Zehen begonnen haben. Da gehen wir lieber in das hiesige 7D-Kino! Und was läuft da für ein Film: Swetlogorsk – die baltische Perle? Ja, genau, laßt uns wie Perlenfischer sein! Wieso eigentlich immer wir?, fragt Virginia, bist du vom alten sowjetischen Geist schon so besessen, daß du nicht mehr zwischen deinem und meinem Denken unterscheiden kannst? Weißt du was, sage ich, geh dahin zurück, wo du herkommst. Nach Beverly Hills?

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Das Unverständliche 1

 

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NEUHEIT!

FISH-SPA!

Fischtherapie,

Biopeeling,

Hautmassage

mittels tropischer Fische

 

Man ist noch im Glauben, es handele sich um eine Verzweiflungstat, geschuldet einem Land am Abgrund, man vermutet, es sei ein letzter Versuch, die unbemerkt versickernden Geldströme mit Netzen und Keschern aufzufangen, man ist noch der Meinung, Fischtherapie sei die absurdeste Geschäftsidee, von der man je gehört hat, da hat sich einer von den drei Schriftstellern schon entschlossen, zur Fischtherapie zu gehen. Wir verraten an dieser Stelle noch nicht, wer es ist. Aber die beiden von uns, die nicht zur Fischtherapie gehen, werden denjenigen, der zur Fischtherapie geht, auf alle Fälle zur Fischtherapie begleiten.

 

 

Bernstein

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Inklusen

 

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Eulen

 

Alles ist gut. Wir sind am Meer. Rauschen ist ein Traum, den die jetzigen Bewohner einfach weiterträumen. Sie bauen ihre Häuser im alten Stil der baltischen Bäderarchitektur, nur etwas größer, deutlich größer, so daß alle neuen Gebäude auch nach Trutzburg aussehen, als solle nicht nur der alte Badeort, sondern auch der Ritterorden wiederbelebt werden. Es scheint, als ob dies der Ort ist, an dem alle Träume augenblicklich in Wirklichkeit umgesetzt werden. Ein Realitätstransformator dieser Ort: man denkt an etwas, und sofort materialisiert es sich?

Am Strand gehen die wenigen Besucher mit gesenkten Köpfen. Sie gehen sehr langsam, sie befinden sich an der baltischen Goldküste, suchen Bernstein. Alle, die sich begegnen, zeigen sich ihre Funde. Der erste, der mir entgegenkommt, steckt die Hand in die Hosentasche, weist mehrere große Brocken vor, behauptet dann aber, er hätte sie im Winter gesammelt und will sie mir verkaufen. Aber wenn es hier Bernstein gibt wie Sand am Meer, suche ich natürlich selbst. Eine Kleingruppe älterer Menschen hat sich mit kleinen Stöckchen ausgerüstet, schreitet rüstig voran und wendet im Gehen systematisch den getrockneten Tang. Einer von ihnen hat eine Plastiktüte an der Hand, sie ist schon ziemlich ausgebeult. Eine weitere Gruppe, Mutter, Großmutter, Enkel, kommt überhaupt nicht voran. Sie verharren mehr oder weniger gebückt an einer Stelle, von weitem sieht man, daß sie andauernd etwas finden, sie richten sich auf, der Junge gibt der Mutter etwas in die Hand, dann senken sie wieder die Köpfe. Die Mutter trägt eine Plastiktüte, sie enthält, dem Schlenkern nach zu urteilen, mehrere hundert Gramm. An diesem Punkt bin ich schon etwas beunruhigt, daß ich noch keinen einzigen Bernstein aufgelesen habe. Ich mache alles wie die andern, ich gehe gebeugt, stochere in den Steinen usw., stelle mir allerdings auch ein ziemlich großes Stück vor, das sich möglichst materialisieren soll, vielleicht übertrieben für den Anfang. Auf dem Rückweg zeigt mir die Mutter eine Handvoll Bernsteine, die der kleine Junge gefunden hat: winzige Körner, vielleicht fünf Millimeter, fast Sand, aber hieß es nicht: goldener Sand Preußens? Von diesen Körnern finde ich auch sofort eine Menge, der Trick ist offenbar, zu wissen, wonach man eigentlich sucht. Die nächste Gruppe, ein Mann, eine Frau, fordert mich auf, meine Hand zu öffnen. Ich zeige etwas goldenen grobkörnigen Sand vor. Die Frau hält mir triumphal einen großen Bernstein entgegen, den sie gerade aufgehoben hat. An der Hand des Mannes wieder die schwere Plastiktüte, die mich inzwischen etwas einschüchtert. Alles Bernstein? – Schnaps, sagt der Mann.

 

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Im Bernsteinkombinat

 

 

Hamanns Kinder

Kurz nach unserer Abreise nach Swetlogorsk erreichen uns Bilder aus Kaliningrad, die uns stocken lassen und die Frage aufbringen, warum wir die Spuren Hamanns, die doch so offensichtlich sind, übersehen konnten.

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Was ist die Mission dieser Menschen? Treten sie für ein Nichtverstehen der Stadt K. ein? Sind sie also die Einwohner dessen, was ich mit Hamann City benannt habe?
Ist das körperliche Herumstehen in der Öffentlichkeit ihr Mittel? Egal, wie lange man versucht, das alte Königsberg, das alte und das neue Kaliningrad miteinander zur Deckung zu bringen, egal, wie lange man die Differenzen vermißt, es tut sich immer noch etwas anderes, neues auf. Hier stand das Haus, in dem Hoffmann wohnte. Wo, da drüben oder hier? Na irgendwo hier. Das Ungefähre, das Diffuse bestimmt jede Stadt – egal wie geordnet sie sein will, genauso wie es auch die Bedürfnisse ihrer Einwohner bestimmt. Können wir uns also nur noch darauf einigen, daß wir uns auf nichts einigen können, weil wir den anderen niemals verstehen werden?

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Die Einwohner von Hamann City stehen in den Straßen. Die griechische Philosophin Athena Athanasiou schreibt über die Proteste in New York, Griechenland und den Arabischen Ländern: It is the ordinary and rather undramatic piece of standing, rather than a miraculously extraordinary disruption, that actualizes here the living register of the event. Und noch unaufdringlicher, undramatischer und vielleicht umso schöner tun es Hamanns Kinder!

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